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Das nach dem urſprünglichen Lehrplan zu erreichende Ziel der Anſtalt wurde erſt bei der im Frühjahr 1843 ſtattfindenden öffentlichen Prüfung oder vielmehr im Herbſte jenes Jahres bei der Verabſchiedung der erſten Abiturienten beſtimmter erkannt und fixirt. Es befanden ſich unter denſel⸗ ben, außer den in das Geſchäftsleben tretenden Schülern, ein Realiſt, der in den oberen allgemei⸗ nen Curſus der höheren Gewerbſchule, und zwei Latiniſten, die in Tertia des Gymnaſiums zu Darmſtadt aufgenommen werden konnten.— Die urſprüngliche Tendenz der höhern Bildungs⸗ und Realſchule wurde, trotz mehrmaliger Anfechtung der progymnaſialen Beſtimmung der Schule, von der Direction derſelben wie von den höheren Behörden ſtets und unverrückt im Auge behalten, und iſt auch von da an nicht aufgegeben worden, ſeitdem die Anſtalt zufolge des im Jahr 1857 durch allerhöchſte Ordre eingeführten neuen Dienſtſiegels ſtatt der früheren Benennung den einfachern Na⸗ men„Realſchule“ führt. 3
Da gleichwohl in der letztern Zeit ſich die Anſicht verbreitete, als habe die hieſige Realſchule theilweiſe ihre progymnaſiale Beſtimmung aufgegeben, ſo iſt es zur Berichtigung dieſer Anſicht nöthig, dieſen Punkt hier etwas ausführlicher zu beſprechen. Allerdings fanden bezüglich des im Jahre 1846 aufgeſtellten Lehrplans während der letzten 6— 8 Jahre durch eintretende Umſtände oder durch unabweisbar geſtellte Forderungen in einigen Punkten, jedoch ſtets mit Genehmigung der Oberbehörde, Abweichungen ſtatt. Dieſelben betrafen insbeſondere die lateiniſche und griechiſche Sprache, inſofern vom Jahre 1859 an, theils in Folge einer von unſerer höchſten Staatsbehörde ausgegangenen wohlgemeinten Abmahnung von dem Andrange zu den gelehrten Studien, theils durch die ſichtbar allgemeine Hinneigung zu techniſchen und geſchäftlichen Berufsarten, in unſerer Anſtalt bis zum Jahre 1862 keine Latiniſten in den beiden Oberklaſſen ſich vorfanden, ſo daß von jener Zeit an bis jetzt nur zwei beſonders unterrichtete Abtheilungen für die beiden alten Sprachen beſtanden, während ſchon im nächſten Schuljahre wieder drei und weiterhin gewiß vier(getrennte) Abtheilungen ſich ergeben werden.
Die Anzahl der Latiniſten belief ſich von jeher in der unterſten Claſſe auf höchſtens 10— 12 Schüler, die ſich jedoch in den folgenden Claſſen ſtets verminderten, ſo daß in der erſten Claſſe ge⸗ wöhnlich nur 2— 3, in manchen Jahren ſogar nur 1 Schüler vorhanden waren. Aus dieſer ge⸗ ringen Schülerzahl erklärt ſich übrigens auch, wie es möglich war, bei verhältnißmäßig nur we⸗ nigen Stunden in den beiden Sprachen ſo weit voranzukommen. 138
Die Realſchule iſt, dem Gymnaſium gegenüber, ein Kind der neuern Zeit, über deſſen Ausbil dung man viel geſtritten und erſt in den letzten zwei Decennien ſich mehr geeinigt hat, obwohl die meiſten dieſer Anſtalten durch ein gewiſſes köcales Gepräge und namentlich bezüglich der ihnen zu Gebote ſtehenden Mittel mehr oder weniger von einander abweichen. Daß die hieſige Realſchule während ihres nun 25jährigen Beſtehens eine den Intereſſen der Jugendbildung und den Anforde⸗ rungen der Zeit angemeſſene innere Ausbildung erſtrebt hat und hinter andern weit beſſer dotirten Anſtalten ihrer Art nicht zurückgeblieben iſt, das können wohl die in den Jahren 1860 und 1861 von ihr ausgegebenen Programme, wie namentlich auch ihr jetziger Stand, verglichen mit ihrem erſten Programme vom Jahre 1843, darthun.
CEs dürfte hier am Orte ſein, auch eines Uebelſtandes zu erwähnen, der mit der Beſtimmung der Realſchule in grellem Widerſpruche ſteht und die Wohlthaten dieſer Anſtalt für Manchen ziemlich illuſoriſch macht: wir meinen den ſo häuſig vorkommenden verſpäteten Eintritt und den noch häufi⸗ geren unzeitigen Austritt aus der Realſchule, welcher Vorwurf insbeſondere die einheimiſchen Schüler trifft, bei denen in der Regel, wie naturgemäß bei den Volksſchülern, die erlangte Confirmation, ja verſuchsweiſe ſelbſt ſchon der Beginn der Confirmandenſtunden, ein Anlaß zum Austritte aus der Anſtalt iſt, mögen ſie nun der zweiten, oder gar erſt der dritten oder vierten Claſſe derſelben ange⸗ chören. Gerade zu einer Zeit, wann dieſen Schülern durch einen ſorgfältigen, vorbereitenden Unter⸗ richt das Verſtändniß für diejenigen Fächer, die das Weſen der realiſtiſchen Bildung ausmachen,


