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Kongreß aus London gekommen waren, und unterhielt ſich höchſt wichtig mit ihnen, natürlich in engliſcher Sprache, ſoweit die Kenntniſſe dazu ausreichten.— Um 10 Uhr mußten wir wieder in der Jugendherberge ſein, denn Herbergsväter haben in dieſer Beziehung kein Erbarmen. Und ſchließlich waren wir auch müde, und am nächſten Morgen um 5 Uhr mußten wir ausge⸗ ſchlafen haben.
Früh fuhr unſer Dampfer ab. Unſer Ziel war Rüdesheim. Allmählich entſchwand der ſechstürmige Dom unſern Blicken. Langſam fuhren wir an Biebrich mit ſeinem Barockſchloß vorbei. Noch war das Land zu beiden Seiten flach. Je näher wir Eltville kamen, deſto näher rückten die Berge rechts an den Fluß heran. Wir grüßten die erſten Weinberge. Vorbei ging's an den vielen ſchönen Rheinſtädten, die im hellen Glanz der Sonne mit ihren blauen Schieferdächern freundlich ausſahen. Nach 1 ½ ſtündiger Fahrt hatten wir Rüdesheim erreicht. Wir gingen durch das nette Weinſtädtchen, betrachteten uns die„Droſſel⸗ gaſſe“ und begannen dann den Aufſtieg zum Niederwald⸗Denkmal. Es war inzwiſchen wieder ſehr heiß geworden. Zwiſchen Weinbergen ging's bergan. Ueberall wurden uns Anſichtskarten, Stocknägel und dergleichen Dinge angeboten: Bitte, meine Herr⸗ ſchaften! Noch eine ſchöne Rheinkarte mitnehmen? Nur 50 Pfg. däs Stück, ſehr ſchön, ſehr billig!— Nach einiger Mühe kamen wir ſchließlich am Niederwalddenkmal an. Das Denkmal wurde am Ende des vorigen Jahrhunderts zum Andenken an die Wieder⸗ aufrichtung des Deutſchen Reiches und an den Sieg von 1870/71 erbaut. Die Mühe des Aufſtieges wurde uns aber doppelt gelohnt. Aus herrlicher Höhe blickt die Germania auf dem mächtigen Sockel auf den wunderſchönen Rheingau hinab. Wir waren entzückt von dem prächtigen Anblick, der ſich uns bot. Weit blickten wir in das Land hinein. Unterhalb des Denkmals dehnten ſich die Weinberge aus mit dem ſchönen Rüdesheim. Gegenüber nimmt der„Vater Rhein“ die Nahe auf. Bingen und Bingerbrück grüßten uns an der Mündung der Nahe. Leider wurde unſre Freude getrübt, als ein franzöſiſches Flugzeug dreimal ganz tief das Denkmal umkreiſte, die Tragflächen der Germania zugekehrt. Das ſchien uns allen eine Anmaßung ohnegleichen. Es war, als ob die da oben drin ſagen wollteu:„Was wollt ihr denn hier? Hier ſind wir Herr!“ Eine Wut überkam uns, aber wir mußten ſchweigen. Vielleicht wurde es uns da erſt klar, was es heißt, daß ein Stück herrlichen deutſchen Landes von den Feinden beſetzt iſt.
Gegen 12 Uhr nahmen wir Abſchied vom Niederwald. Unſer Ziel war Aßmannsbauſen. An der Roſſel, einem Ausſichts⸗ punkt, machten wir noch einmal halt. Es bot ſich uns ein ſchöner Blick auf die Ruine Ehrenfels und das Binger Loch mit ſeinen Strudeln und dem Mäuſeturm. Dann gings bergab nach Aßmannshauſen. Wir waren in der denkbar fröhlichſten Stimmung, zumal einer unſrer Jungen es durch witzige Lieder und Schnurren fertigbrachte, uns immer wieder zum Lachen herauszuſordern. Wir landeten dann glücklich in der„Alten Bauernſchänke“ in Aßmannshauſen. Kaum waren wir angelangt, als jeder ſchon ein Liederbüchlein in die Hand gedrückt bekam und einen Zettel mit dem neueſten Rheinliede, das wir natürlich gleich lernten. Wir waren nun einmal am Rhein, und da war es ſelbſtverſtändlich, daß wir auch den Rheinwein verſuchten. Zuvor mußten wir aber erſt für eine ſichere und feſte Grundlage ſorgen, da wir lange nichts gegeſſen hatten. Ein Geiger und ein Klavierſpieler trugen dazu bei, unſere Fröhlichkeit zu erhöhen. Bald ſangen wir fröhliche Lieder, bald drehten wir uns im Tanze. Die Zeit verging uns viel zu ſchnell. Doch wir mußten aufbrechen; der Dampfer ſollte uns noch nach Bacharach bringen, wo wir am 2. Abend unſer Quatier aufſchlugen. Auf der Ruine Stahleck, oberhalb Bacharach, die zur Jugendherberge ausgebaut iſt, übernachteten wir. Am Abend, als die Sterne aufgegangen waren, ſaßen wir auf der Burgmauer. UÜnter uns blitzten die Lichter von Bacharach. Der Rhein rauſchte leiſe. Ab und zu fuhr ein hellerleuchteter Dampfer vorbei. Die Lichter brachen ſich tauſendfach im Waſſer. Im Burghof tanzten Jungen nnd Mädel nach den Klängen einer Geige alte Volkstänze, und wir ſangen ab und zu ein Lied. Es war recht romantiſch dort oben. Bald zogen wir uns zurück und ſchliefen recht gut nach den Anſtrengungen des Tages.
Ganz früh am nächſten Morgen machten wir einen Spaziergang am Rhein entlang. Dabei machten wir zum erſten Male wirklich Bekanntſchaft mit dem Rhein. Wir ſaßen recht ahnungslos am Ufer. Drüben fuhr ein Dampfer vorbei, dem wir fröhlich zuwinkten. Plötzlich ein Schreien! Drei⸗ bis viermal ſchlagen große Wellen ans Ufer. Alles ſpringt auf. Kleider, Anzüge, Ruckſäcke, Mäntel, alles iſt mehr oder weniger durchnäßt. Im erſten Schreck ſagt keiner etwas. Dann fängt alles an zu lachen. Die Mädchen hatten die größte Sendung bekommen. Das machte uns aber garnichts aus. Wir hängten unſre naſſen Sachen um ein altes Faß, das dazu wie geſchaffen ſchien. Dann zogen wir Schuhe und Strümpfe aus und wateten im Waſſer. Der Wind blies recht ſchön, und bis unſer Dampfer fuhr, war wieder alles trocken.
Unſer nächſtes Ziel war Koblenz. Zu beiden Seiten ſchob ſich ein Berg hinter dem andern hervor. Von ihren Gipfeln ſahen die alten Burgen und Ruinen ſtolz auf den Berg herab. Vorbei gings an der vieltürmigen Pfalz bei Caub. Faſt ſenk⸗ recht ragt der Loreleyfelſen aus den Fluten. Einer ſtimmte an,„Ich weiß nicht, was ſoll es bedeuten,“ und alle ſtimmten mit ein. Burg Lahneck an der Mündung der Lahn tauchte auf; ihr gegenüber Schloß Stolzenfels. Dann kamen Koblenz und Ehren⸗ breitſtein in Sicht. Von Ehrenbreitſtein wehte die franzöſiſche Flagge. Auf dem Rhein fuhren franzöſiſche Dampfer. Immer und immer wieder wurden wir daran erinnert, daß unſer ſchöner, deutſcher Rheingau beſetzt war.
In Koblenz verließen wir den Dampfer. Nachmittags machten wir einen Rundgang durch die Stadt, dem ſich ein erfri⸗ ſchendes Bad im Rhein anſchloß. Den Abend verbrachten wir am„Deutſchen Eck“, wo die Moſel in den Rhein mündet. Der nächſte Tag brachte uns an die Moſel. Unſer großes Gepäckließen wir in Koblenz, da wir am Abend wieder zurückkamen. Mit der Bahn fuhren wir durch das liebliche Moſeltal. Zu beiden Seiten lagen abwechſelnd Wald und Weinberge im Sonnenglanze da. In Moſelkern ſtiegen wir aus, um zur alten Burg zu wandern. Auf ſchmalen Waldwegen gings bald bergauf, bald bergab. Plötzlich guckte die alte Burg aus dem Laubwald heraus. Wie eine Märchenburg liegt ſie da. Oben hatten wir einen ſchöneu Blick auf die Wälder und auf die Ruine Trutz⸗Eltz. Durch den Brand im Jahre 1920 wurde viel vernichtet, ſodaß heute nur noch wenig von der Inneneinrichtung zu ſehen iſt. Aber dieſes Wenige gab uns doch eine Ahnung von dem Reichtum und dem Wohlſtand der Grafen von Eltz. Wir bekamen überhaupt einen Einblick in mittelalterliche Lebensgewohnheiten und Sitten.— Dann verweilten wir noch ein paar Stunden in Moſelkern. Die Zeit verbrachten wir mit Baden und Rudern, oder wir ſtreckten uns ins Gras und ließen uns von der Sonne beſcheinen. Um 7 Uhr kamen wir wieder in Koblenz an, fnhren zum Ritterſturz und hatten von dieſer Höhe am Rheinufer noch einmal einen herrlichen Blick auf die Reinlandſchaft hinüber ins Lahntal.


