Jahrgang 
1929
Einzelbild herunterladen

222

Parks unſere Wanderung fort. Eine kleine Strecke begleitet uns die Untertertia, dann trennen ſich unſere Wege. Sie ſchwenkt nach⸗ Heckershanſen ab, um heimzufahren. Wir wollen noch Wilhelmshöhe und den Herkules ſehen. Das Wetter hat ſich inzwiſchen auf⸗ geklärt, und wir ſind in fröhlichſter Stimmung. Nach längerer Wanderung durch prächtigen Hochwald erreichen wir unſer Ziel. Am Aaquädukt machen wir Halt. Er iſt nach dem Vorbild einer altrömiſchen Waſſerleitung erbaut. Auf hochgewölbtem Bogen ruht eine ſteinerne Rinne, die plötzlich jäh abbricht. Zu beſtimmten Stunden ſtrömt das vom Herkules hergeleitete Waſſer durch die Rinne und ſtürzt von dem Steilrande brauſend in die Tiefe. Auf mooſigen Steinen ruhend betrachten wir den kühnen Bau. Die Kameraden klettern luſtig zwiſchen den Steinen.

Dann geht's bergan. Ein Teil der Klaſſe beſteigt den Herkules. Wir ruhen inzwiſchen am Fuße der Kaskaden aus und füttern. die Fiſchchen der Neptunsgrotte. Es folgt der Abſtieg zur Löwenburg. Efeuumſponnene Mauern und Türme, ein von üppigem Grün überwucherter Burggraben, eingeroſtete Zugbrücken und Fallgatter, die Burgkapelle, eine Rüſtkammer verſetzen uns ins Mittelalter. Doch iſt es eine künſtliche Ruine, die Schöpfung einer fürſtlichen Laune der letzten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Im Burggarten mit ſeinen künſtlich verſchnittenen Hecken macht uns ein Springbrunnen beſonders Vergnügen. Die Jungens halten die Oeffnungen zu und ſpritzen ſich gegenſeitig naß. Dann wandern wir weiter. Am Schloßteich, zu Füßen eines freundlichen, weißen Tempelchens, das hell aus dem dunklen Grün hervorleuchtet, füttern wir die Schwäne und ihre Jungen. Wir bewundern die farbenprächtigen Teppichbeete vor dem Wilhelmshöher Schloß, dem ehemaligen Sommerſitz der kaiſerlichen Familie, und wir denken an Napoleon III, dem das Schloß während ſeiner Gefangenſchaft 1870 als Aufenthalt diente. Der ſtattliche Bau entſtand faſt gleichzeitig mit dem Schlößchen zu Wilhelmstal, iſt aber grundverſchieden in Stil und Anlage. Er zeigt wuchtige Ausmaße und ſchlichte klaſſiſche Formen. Beſonders eindrucksvoll iſt der Mittelbau mit ſeinen rieſigen Freitreppen. Auf je ſechs doriſchen Säulen ruhen ſteinerne Querbalken, die ein Giebelfeld mit weit vorſpringendem Kranzgeſims tragen. Eine flache Kuppel krönt die Mitte des Schloßdaches.

Nun nehmen wir Abſchied von dem ſchönen Schloß Wilhelmshöhe. Die Elektriſche führt uns nach Kaſſel. Am Friedrichsplatz zerſtreuen wir uns, bummeln durch die belebten Straßen der Stadt und ſammeln uns kurz nach fieben Uhr wieder am Bahnhofe. Still verläuft die Rückfahrt durch den dunkeln Abend. Einige träumen ruhig vor ſich hin, andere tauſchen halblaut ihre Erlebniſſe aus oder erzählen Witze. Kurz vor 10 Uhr iſt Arolſen erreicht. Viele meiner Kameraden und Kameradinnen ſind am Ziel. Ich fahre durch die friſche Abendluft heim und denke noch gern an den ſchönen Tag zurück.

Auch in dieſem Jahre wurden die Reichsjugendwettkämpfe innerhalb der Schule ausgetragen. Sie fanden am 6. 9. auf dem Königsberg unter Leitung der Fachlehrer für Turnen und mit Unterſtützung der übrigen Herren des Kollegiums ſtatt. Die Anſtalt erhielt 23 Ehrenurkunden des Herrn Reichspräſidenten.

Zwei Wochen ſpäter wurde die Prüfung der Abiturienten in Leichtathletik abgehalten.

In der Schlußandacht des Sommerhalbjahrs(28. 9.) wurde Herr Oberſchullehrer Krummel feierlich ent⸗ laſſen. Nach dem Vortrag eines Gedichtes, in dem ein Oberprimaner dem langjährigen und verdienſtvollen Lehrer den Dank der Schülerſchaft zum Ausdruck gebracht hatte, widmete der Direktor im Auftrage des PSK. und namens der Schule dem ſcheidenden Kollegen herzliche Worte des Dankes und der Anerkennung für ſeine treuen Dienſte. Sichtlich bewegt durch die Anhänglichkeit, die ihm die unteren Klaſſen durch Ausſchmücken des Schulzimmers und Ueberreichen von Geſchenken in ſeiner letzten Unterrichtsſtunde bewieſen hatten, tief gerührt von dem Abſchiedslied, das der Chor ſeinem bisherigen Leiter ſang, erwiderte Herr Krummel auf die An⸗ ſprache des Anſtaltsleiters, dankte für die Beweiſe engſter Verbundenheit mit allen Angehörigen der Schule und nahm ſchweren Herzens Abſchied von ſeinen Schülern und ſeinen Mitarbeitern.(Der Abend vereinigte das Kollegium zu einer ſchlichten Abſchiedsfeier, in der dem verehrten Amtsgenoſſen ein Geſchenk übergeben wurde.)

Ende Oktober(27. 10.) wurden für die Schule in der Aula zwei Faſtnachtſpiele von Hans Sachs(Fah⸗ rende Schüler, Kälberbrüten) durch eine Truppe von Berußssſchauſpielern aufgeführt. Die feinſinnige Wiedergabe der Schwänke war ein hoher Kunſtgenuß.

Der Reformationstag wurde durch gemeinſamen Kirchgang unter Ausfall des Unterrichts begangen. Zur Vorbereitung für den Beſuch der Opern im Kaſſeler Theater wurden zweimal die letzten Stunden

benutzt, in denen der Fachlehrer für Muſik einen einleitenden Vortrag und Muſikproben gab, während ein Schüler kurz über das Leben des Komponiſten berichtete.

Die Schubert⸗Gedächtnisfeier wurde am 26. 11. begangen. Die künſtleriſchen Darbietungen der Gattin Herrn Leſſers(Geige) und Herrn Leſſers ſelbſt(Klavier u. Geſang) erhoben die Feier zu einer Weiheſtunde.

Am 27. 11. und 8. 12. beſuchten wir die beiden Teile des Filmes: Königin Luiſe.

Im engen Kreiſe der Schule und einiger Eltern als Gäſte fand am 1. 12. für die Schüler der Oberſtufe und die Schülerinnen bis OIII ein Ball ſtatt.