—. 212—
der promenierenden Damenwelt; unſere Sachverſtändigen behaupteten, die Eleganz ſtamme wohl mehr aus Saiſonausverkäufen.— Schließlich brachen wir zu der Expedition in die Himbeerberge auf. Nachdem wir die Richtung feſtgeſtellt hatten, ging es geraden Weges los, Berg auf, Berg ab mit„über 70 mm pro Meter“, von einem Ausſichtsturm zum andern. Das letzte Stück Weges bis zum Renſtieg konnten wir ſogar die präch⸗ tige Rodelbahn benutzen, d. h. bergauf bei warmem Sonnenſchein. Nach zweiſtündigem Marſch konnten wir uns hungrig und durſtig auf die Himbeeren ſtürzen. Diejenigen, die wegen Raummangels ſchließen mußten, aalten ſich in der Sonne. Gegen Mittag ging es dann durch den„ungeheuren Grund“, einen anmutigen, prächtigen Bergkeſſel, zurück ins Quartier. Die ſpärlichen Reſte an Wurſtzipfeln, zähen Brötchen und Butter mit Papiereinlage dienten den meiſten als Mittageſſen, während die Wohlſituierten, denen ſich die notleidende Landwirtſchaft angeſchloſſen hatte, in der Stadt ein lecker bereitetes Mahl einnahmen. Dann war es allmählich Zeit geworden, zum Bahnhof zu gehen, wir mußten unſerer Herberge— der Herbergsvater konnte ſich immer
Lech nich über ſeine Decken beruhigen— Lebewohl ſagen und Abſchied nehmen von dem ſchönen Thüringen überhaupt.
Noch einmal grüßten wir vom Zuge aus die Wartburg, dann ging es ſchnell dem Ende der Fahrt ent⸗ gegen. In Kaſſel ſahen wir ſchon wieder bekannte Geſichter. Wir erfuhren daß die UlI ſchon wieder zurück und daß in Waldeck, beſonders in unſerem lieben Arolſen noch alles in beſter Ordnung ſei. Spät in der Nacht kamen wir an, und es gelang uns noch, für den nächſten Tag zwei Stunden ſchulfrei zu erlaugen. Mit herzlichem Dank an unſern Führer für die ſchöne, genußreiche Fahrt, die ohne Mißklang verlaufen war und die uns ein Stück deutſcher Heimat hatte kennen lernen laſſen, trennten wir uns. Wir alle waren voll befriedigt von dieſer unſerer letzten großen Klaſſenwanderung, an die wir immer mit Freuden zurückdenken werden.
Ein Wandertag. Die Fahrt der OIII nach Wilhelmstal und Kaſſel.(Von einer Schülerin.)
Grauer Himmel. Leiſe rauſcht der Regen hernieder. Und heute iſt Wandertag! Aber das ſoll uns die Stimmung nicht verderben. Um ſieben Uhr verſammeln wir uns am Bahnhof Arolſen. Dort herrſcht munteres Leben und Treiben. Drei Klaſſen warten auf die Abfahrt. Ober⸗ und Untertertia wollen nach Wilhelmstal fahren, die Unterſekunda nach Eiſenach. Lachend und lärmend haben ſich kleine Gruppen gebildet. Der Zug brauſt heran. Schieben, Drängen, Stoßen,— alles eilt zu den für uns bereit gehaltenen Wagen. Bald ſind alle glücklich verſtaut. Ein ſchriller Pfiff,— wir fahren ab.
In unſerm Abteil geht's lebhaft zu. Wir plaudern und lachen. Eine Mitſchülerin lieſt vor. Dann und wann wird ein friſches Lied geſungen. Ich ſtehe am Fenſter und ſchaue hinaus in den Herbſtmorgen. Helſen fliegt vorüber. Für flüchtige Minuten nimmt uns prächtiger Hochwald auf. Dann tritt der Wald zurück. Wir grüßen Wetterburg, Külte, Volkmarſen. Dort erwartet uns der Kaſſeler Zug, der uns nach halbſtündigem Aufenthalt weiter führt. Auf kahlem Hügel ragt trotzig die Ruine der Kugelsburg. Friedlich träumt Ehringen an den umbuſchten Ufern eines kleinen Flüßchens. Herrliche Wälder, anmutige Wieſengründe begleiten die Bahnſtrecke. Wolfhagen taucht auf, ein gedrängt gebautes, ruhiges Landſtädtchen. Weiter geht die Fahrt— vorbei an ſtillen Dörfern, im Grün verſteckten Mühlen und Gehöften. Im großen Bogen umfahren wir die Bären⸗ und Gutenberge, ſehen Zierenberg mit ſeiner ſchönen, alten Kirche im Kranze waldiger Höhen liegen. Das wuchtige Maſſiv des Dörnbergs ragt vor uns auf. Ein langer Tunnel führt zu ſeinem Oſtabhang. Wieder geht unſere Fahrt durch waldiges Hügelland. In Heckershauſen verlaſſen wir den Zug.
In grundloſem Schmutz marſchieren wir durchs Dorf,— den Hügel hinan. Der Himmel droht grau und ſcheint uns bald eine kleine Abkühlung geben zu wollen. Nach etwa halbſtündiger Wanderung treten wir in den Wald ein, Hier iſt's ſtill. Die Vögel ſchweigen. Kein Laut läßt ſich hören, nur unſere Stimmen hallen wieder. An einem herrlichen Ausſichtspunkt wird einen Augenblick auf die Zurückgebliebenen gewartet. Dann geht's mit friſchen Kräften weiter.
Eine prächtige alte Allee führt uns zu dem anmutigen Rokokoſchlößchen Wilhelmstal. Der dreiflügelige Bau iſt von einem ſchattigem Park mit hohen, alten Bäumen, lauſchigen Sitzplätzen, einem Teich und Raſenplätzen mit Blumenbeeten in leuchtenden Farben umgeben. Wir treten durch das offene Gittertor in den Schloßhof. Vor uns liegt der Mittelbau. Eine Freitreppe führt zum Haupteingang. Vier Säulen tragen einen Balkon mit zierlichem Eiſengitter. Schlichter ſind die beiden Seitenflügel.
Während die Untertertia ins Schloß geführt wird, betrachten wir die nächſte Umgebung, füttern die Fiſche im Teich und verzehren unſer Frühſtück. Bald hat die Untertertia ihre Beſichtigung beendet, und wir treten durch einen Nebeneingang in den rechten Seitenflügel. Mit großem Vergnügen werden mächtige Filzpantoffeln übergezogen, dann geht's hinüber in den Mittelbau. Prächtig iſt die Inneneinrichtung. Alle Ecken und ſcharfen Kanten ſind vermieden. Ueberall an Decken und Wänden, an den Möbeln mit den geſchweiften Beinen und Füßen finden wir die runden, gefälligen Formen des Rokokoſtils. Kriſtallene Kronleuchter, prächtige Spiegel, koſtbare Stutzuhren unter Glasglocken, zierliche Porzellanfigürchen, rieſige Meißner Vaſen zeugen vom Glanz vergangener Zeiten. Einige Zimmer enthalten wertvolle Gemälde von Tiſchbein und Nahl. Ein kleiner Raum zeigt die Entwürfe deutſcher und ausländiſcher Künſtler für den Herkules und die Kaskaden. Sehenswert ſind die verſchiedenartigen Wandbekleidungen. Einige Säle haben ſeidene Tapeten, ein kleiner, leerer Raum zeigt eine koſtbare handgemalte Tapete. Die Holzverkleidungen vieler Zimmer zieren kunſtvolle Handſchnitzereien, Blatt⸗ und Blumengewinde; ja ſelbſt ein Vogel im Bauer iſt aus dem Holz einer Wand heraus⸗ geſchnitzt,— eine Arbeit von drei Jahren! Die rieſigen Fenſter gewähren einen Blick in den herbſtlichen Park. Wir verlaſſen das Schloß, beſichtigen einen Springbrunnen, der heute ſtill liegt, und ſetzen nach kurzer Raſt in einem Wirtshaus in der Nähe des


