Jahrgang 
1929
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einer Stunde der Weg ſich plötzlich ſenkte und wir vor der Jugendherberge von Ruhla ſtanden. Schließlich aber brachten wir die teilweiſe recht expreſſioniſtiſchen Häuſer hinter uns, erreichten den Renſtieg und gelang⸗ ten nach anſtrengendem Marſche auf den Gipfel des 916 m hohen Inſelsbergs. Unſere Mühe wurde reichlich belohnt, wir hatten eine ſo klare und weite Sicht nach allen Seiten, wie ſie dort oben verhältnismäßig ſelten iſt. Freilich war es zu kalt, um noch im Freien ſitzen zu können; die Gaſthäuſer hatten ſchon tüchtig geheizt, und wir ſtärkten uns an einem Teller guter Erbſenſuppe mit Wurſt für 60 Pfennig. Nach mehrſtündiger Raſt, wir mußten auf 2 Kameraden warten eine unſerer Damen vermißte ihr Handtäſchchen und erinnerte ſich, es am Dreiherrenſtein liegen gelaſſen zu haben, worauf zwei Herren Kavaliere genug waren, die 13 km hin und zurück zu laufen, natürlich ohne es zu finden brachen wir wieder auf. Diesmal teilten wir uns in zwei Gruppen: Die Müden wollten auf dem kürzeſten Wege Friedrichroda erreichen und ſollten Quartier be⸗ ſorgen, wenn möglich Betten zu 1 RM.; die Unternehmungsluſtigen wollten noch einige ſchöne Ausſichtspunkte am Renſtieg mitnehmen.

Der Marſch war reich an Genüſſen für das Auge und auch für den Magen. Immer neue Bilder entrollten ſich vor unſeren Augen: bald ſahen wir weit ins Frankenland hinein, bald öffnete ſich vor den Blicken das ſo liebliche Thüringen; in vollen Zügen genoſſen wir all die Schönheiten der Wanderung. Plötzlich, in der Gegend derTanzbuche entdeckten wir einen mächtigen Hang, der mit Himbeerſträuchern dicht beſtanden war, an denen die ſaftigſten reifen Beeren hingen. Wir taten uns einmal ordentlich gütlich daran, denn eine ſolche Fülle von Beeren hatte noch keiner von uns geſehen. Abends erzählten wir unſeren Kameraden von der anderen Partei ſoviel davon und machten ihnen den Mund ſo wäſſerig, daß die Wiederholung der Expedition für den folgenden Tag beſchloſſen wurde.

Unſere Abendtafel in der Jugendherberge, die im Schloß Reinhardsbrunn lag, war der Romantik des Ortes angepaßt. Eine Stallaterne erhellte dürftig den langen Tiſch, an dem wir alle ſaßen und unſer lukulliſches Mahl einnahmen. Wir fühlten uns in dem Schloß ganz als Edel.kommuniſten, denn alle unſere Vorräte an Wurſt, Butter, Brötchen, Eiern wurden der Allgemeinheit zur Verfügung geſtellt, desgl. die Eßgeräte. Schier unerſchöpflich erwies ſich der Ruckſack unſeresHausmütterchens, die das ſchwerſte Gepäck trug und doch immer die allererſte auf dem Marſche ſein mußte. Sie hatte für alles vorgeſorgt und konnte immer aushelfen. Ab⸗ geſehen von den Eßvorräten, von Würſten angefaugen bis herab zu Zucker, Pfeffer und Moſtrich, zauberte ſie hervor, was man haben wollte: Flick⸗ und Nähzeug, Heftpflaſter und Arnikatropfen, ſämtliche Artikel für Kopf⸗ und Fußpflege und noch vieles andere mehr, was man für eine Fußwanderung von Kapſtadt nach Kairo braucht. Der Herbergsvater war wirklich ein geſtrenger Herr; um 9 Uhr wurde die ſtilechte Laterne gelöſcht, und wir mußten hinein in die Herberge. Der Verſuch, wieder ein billiges Hotel zu finden, war mißlungen.

Aber wir ſchliefen ja in einem richtigen Schloß, einem Luſtſchloß ſogar, freilich nur in dem ehemaligen Pferdeſtall. Um in unſere Betten zu gelangen, waren erſt einige Klimmzüge an den Raufen erforderlich. Offenbar wollte man der ſportbegeiſterten Jugend jeden Abend Gelegenheit zu körperlicher Betätigung geben. Was ſagen die älteren Herren dazu? Nachdem es unſerem Führer gelungen war, gegen Berliner Schnoddrigkeit aufzukommen und Ruhe zu ſchaffen ein Spreeathener behauptete mit konſtanter Bosheit:'s Biea wa ſea jut konntenwia ſea jut ſchlafen, vor allem warm. Zum Empfang der wollenen Decken hatten wir zwar in Reih' und Glied antreten müſſen, aber wir hatten dem Herbergsvater ſoviel vorgeſchwatzt, daß er ſich beim Abzählen zweimal zu unſeren Gunſten verzählte. Am andern Morgen konnte er es abſolut nicht begreifen, wie es möglich ſei, daß man 22 Decken empfängt und 44 abgibt. Die Mädel ſchliefen ein Stockwerk höher, auf dem Heuboden, oder vielmehr die armenHaſcherl ſchliefen nicht, denn trotz der Decken haben ſiewahnſinnig gefroren.

Um 4 Uhr früh waren die erſten von uns ſchon aus den Betten und luſtwandelten nach einer gründlichen Reinigung in der ehemaligen Pferdetränke mit eiskaltem, kriſtallklaren Waſſer im großen Schloßpark, in dem ein Sportfanatiker en petite toilette wie aufgezogen au pas gymnastique ſeine 10 km herunterlief. Als der liebliche Duft friſch bereiteten Kaffees aus der ehemaligen Kutſcherſtube, jetzt Herbergswirtſchaft, auf die Mög⸗ lichkeit eines baldigen Frühſtücks hoffen ließ, wurden auch die Mädchen geweckt, denn ſie hatten ja alle Vor⸗ räte mit in das Obergeſchoß genommen, und dann ſtärkten wir uns an einer gutenEmaillemokkataſſe echten Kathreiners(für 10 Pfennig). Ein Rundgang durch Friedrichroda und die nächſte Umgebung ſchloß ſich an. Die Stadt machte kaum den Eindruck eines großen und vielbeſuchten Badeortes, trotz der weltſtädtiſchen Eleganz