Jahrgang 
1929
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einem Zuge auf dem kürzeſten Wege hinauf zur Burg. Unter Führung eines echtenDiringers, deſſen Sprache uns viel Spaß bereitete, wurde dieſes ſchönſte Denkmal mittelalterlicher Vergangenheit beſichtigt. Von einer ins Einzelne gehenden Schilderung ſei hier abgeſehen. Was wir bisher nur in Bild und Wort geſehen und gehört oder geleſen hatten, das ſchauten wir nun mit eigenen Augen; wir ſchwelgten in der Erinnerung an Sagen und Geſchichte, die in der Burg und ihrer Umgebung ſpielen.

Doch nur allzu bald mußten wir der romantiſchen Burg den Rücken kehren. Ein langer Weg lag noch vor uns, denn das Tagesziel war ja Ruhla. Die Drachenſchlucht, die wir dreimal durchwanderten, iſt wohl der intereſſanteſte Teil des Annatales. Der Bach, der ſie durchfließt, hat eine an manchen Stellen nur 40 em breite Spalte in den Fels eingenagt. Grünes Moos hat die ſenkrecht emporſteigenden Felswände überzogen, die beim Fallen und Aufſchlagen zerſtäubenden Waſſertropfen erfüllen die Schlucht mit dumpfer Feuchtigkeit. Wir hatten Glück, denn wir waren z. Z. die einzigen Beſucher der jährlich von Tauſenden und Abertauſenden durchwan⸗ dertenKlamm. Hohl hallten unſere Schritte auf dem Bretterſteg, dumpf ſchallte die Stimme von den Wän⸗ den und Niſchen wider. Wir dachten an die Wolfsſchlucht imFreiſchütz, den wir ein Jahr vorher im Theater gemeinſam geſehen hatten, wir beſchworen Samuel, der aber nicht erſcheinen wollte. Doch ſchließlich ſtrafte er die vorwitzigen Rufer, und zwar in Geſtalt dreier Kameraden, die ſich unverſehens vorgeſchlichen hatten, und die ſich an einer Biegung plötzlich auf uns ſtürzten und uns einen Schrecken einjagten.

Nachdem wir uns noch eingehend über diechemiſche und dynamiſche Wirkung des Waſſers(vergl. Erd⸗ kundenbuch) unterhalten hatten, ſetzten wir unſern Marſch zurHohen Sonne fort. Nach kurzer Raſt, während der wir den wundervollen Durchblick zur Wartburg genoſſen, ging es weiter dem Tagesziel entgegen. Wir waren ſchon reichlich müde geworden, aber die Berge mußten bezwungen werden und zwar möglichſt auf geradeſtem Wege, da der Vorſchlag eines Kameraden,hinten herum zu gehen dies wurde ein immer wiederholtes Schlagwort während der Reiſe ſich als undurchführbar erwies. Unterwegs erfuhren wir ſchon, daß Ruhla 6 ½ km lang wäre ſcharakteriſtiſches Straßendorf!) und daß natürlich die Jugendherberge am andereu Ende läge. Ein netter Troſt für uns! Aber auch dieſer Marſch wurde geſchafft, wenn auch die Kolonne ſich immer weiter auseinander zog Der Eindruck, den der Ort auf uns machte, war wenig günſtig; und doch werden wir immer mit Vergnügen an Ruhla zurückdenken, an das ſchöne Hotel Bellevue. Das prächtige Quartier, das wir dort bekamen, haben wir uns redlich verdient. Das kam ſo: Müde und hungrig kamen wir in Ruhla an und freuten uns auf die Nachtruhe. In Gruppen marſchierten wir durch die endlos lange Hauptſtraße, unterwegs in den verſchiedenen Läden unſere Vorräte ergänzend. Als der Haupttrupp faſt am Ende der Stadt angelangt war, kamen ihm dieQuartiermacher ſchon entgegen mit der betrübenden Nachricht, daß es unmöglich ſei, in der Jugendherberge zu übernachten. Die Verhältniſſe ſpotteten jeder Beſchreibung. Nun war guter Rat teuer. Schließlich wurde der Vorſchlag angenommen, den Wirt des großen Hotels Bellevne, das am andern Ende der Stadt lag und deſſen Beſitzer uns bei der Ankunft Zimmer zu 2 RM. für das Bett angeboten hatte und ſchon bis auf 1,50 RM. heruntergegangen war, wenn möglich noch weiter zu drücken. Er hatte uns erklärt, daß wir den langen Weg zur Herberge garnicht zu machen brauchten, wir kämen beſtimmt zu ihm zurück. Und in der Tat, es gelang den drei Geſchäftstüchtigſten unter uns, das Mitleid des Wirtes mit den armen Wanderern, denen das Geld ſehr, ſehr knapp geworden ſei, zu erwecken, ſodaß wir handelseinig wurden: 1 RM. für das Bett, 25 Rpf. für eine Taſſe Morgenkaffee. Der Anblick der blendend weiß überzogenen Betten je(2 3) in den ſauberen und freundlichen Zimmern des modernen Hotels die Saiſon war ſchon vorbei ließ uns das Herz im Leibe lachen. Nach demAbendeſſen auf den Zimmern verbrachten wir noch einige recht gemütliche Stunden in der Veranda; die Mädchen en grande toilette, ſo weit das möglich war, wir Herren wenigſtens mit friſchen Kragen. Der HerrOber ſah uns immer von der Seite an und meinte ſchließlich: Na, Sie ſehen garnicht ſo aus als wenn Sie kein Geld mehr hätten. Und als wir am andern Morgen faſt alle mit 10 RM. Scheinen bezahlten, da ſagte er: Sie haben uns aber ſchwer geleimt, ich habe es dem Wirt gleich geſagt, daß alles Schwindel ſei. Ich, der ich die ganze Sache eingefädelt hatte, mußte ehrlich bleiben. Daher zahlte ich mit lauter Groſchen und Fünfpfennigſtücken. Der Ober ging auf den Spaß ein und gab mir das Trinkgeld zurück. Ziemlich ſpät am Vormittag machten wir uns auf den Weg. Um nicht zum dritten Male durch Ruhla marſchieren zu müſſen, gingen wir diesmal wirklichhinten herum, d. h. auf dem am Hange in halber Höhe ſich hinziehenden Wege. Bald hatten wir die Stadt aus den Augen verloren, denn ein Berg ſchob ſich vor den andern und wir marſchierten immer am äußeren Rande der Bergkeſſel. Der Erfolg war, daß nach