Jahrgang 
1929
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Die Wanderfahrt der OI in den Thüringer Wald.(Von einer Schülerin und einem Schüler gemeinſam.)

Der Vorſchlag unſeres Klaſſenleiters, die diesjährige Wanderfahrt in den Thüringer Wald zu unternehmen, wurde von uns mit Begeiſterung aufgenommen, konnten wir doch wieder einmal ein ſchönes Stückchen deutſcher Heimat kennen lernen. Bald lag das Ziel genau feſt, und der Tag der Abreiſe rückte immer näher heran. Endlich konnten wir ſagen:Morgen gehts los! Als ich früh am nächſten Tage erwachte, galt mein erſter Blick dem Wetter. Aber o weh! in langen Faden fiel der Regen zur Erde nieder, der Himmel war völlig umzogen und ließ nicht auf Beſſerung hoffen. Doch fahren mußten wir, die Vorbereitungen waren getroffen, die Nacht⸗ quartiere beſtellt, und ſchließlich es würde ja nicht ſo bleiben. Schnell noch einige Stunden zur Schule, d. h. nur mit dem Körper, denn unſere Gedanken weilten ſchon in der Ferne. Mittags trafen wir uns an der Bahn; da ſah man Gepäckſtücke in allen Variationen, vom ſchwer gepackten Ruckſack bis zum Coupékoffer in Taſchen⸗ format. Die Stimmung auf der Fahrt war von Anfang an recht gut, wie ja nicht anders zu erwarten. Schnurren aus dem Schülerleben wurden zum beſten gegeben, es wurde über dies und das geplaudert und geſcherzt, und man zerbrach ſich den Kopf an Kreuzwort⸗ und Silbenrätſeln. Und ſiehe da, nachdem wir die erſte Etappe un⸗ ſerer Reiſe zurückgelegt hatten, da ſtrahlte wieder die Sonne vom Himmel, und wir hatten das ſchönſte Wetter. Auf der ganzen Reiſe blieb uns der Wettergott hold, und unſere Stimmung war die denkbar beſte. Von Bebra führte uns der D⸗Zug Frankfurt⸗Leipzig mit 80 km Stundengeſchwindigkeit unſerem Ziele entgegen. Nach kur⸗ zer Fahrt fuhr der Zug fauchend und ſchnaubend in die hellerleuchtete Bahnhofshalle von Eiſenach ein. Schnell unſere Sachen zuſammengepackt, und dann hinaus auf den Bahnſteig, wo wir von zwei ehemaligen Abiturienten unſerer Schule mit Hallo begrüßt wurden. Leider wollte mein Koffer nicht ganz ſo wie ich, ſodaß ich in einer mehr wagerechten als ſenkrechten Lage auf dem Bahnſteig ankam, zum Gaudium aller Kameraden.

Alsdann ſuchten wir unſere Jugendherberge auf, legten unſer Gepäck ab und erholten uns ein wenig von der Reiſe. Trotz der vorgerückten Stunde wollten wir noch ein wenig Eiſenach genießen; aber der Herbergs⸗ vater oder vielmehr der Wirt, denn die Herberge ſtand in gefahrvoller Verbindung mit einer Wirtſchaft war ein gar geſtrenger Herr. Er wollte uns nur bis 10 Uhr Urlaub geben. Immerhin, die Thüringer haben kein Herz von Stein. Nach langem Hin und Her ließ er ſich erweichen, die Friſt etwas zu verlängern. Nach einem Rundgang durch die Straßen Eiſenachs landeten wir in einem der vielen Cafés, und bei Wagners Fliegendem Holländer und GounodsFauſt labten wir uns an einem guten Glas Pilſener. Dann gings im Eilſchritt zurück zur Herberge, um nicht vielleicht bei Mutter Grün ſchlafen zu müſſen, denn wir durften es ja mit demManne mit der ſtrengen Miene nicht verderben. UnſereEhemaligen hatten noch ſoviel zu er⸗ zählen und wollten immer noch mehr von Arolſen und unſerer Schule wiſſen, daß wir uns noch nicht von einander trennen konnten. Bereitwilligſt ſtellte uns unſer Wirt ſein Gaſtzimmer zur Verfügung, und noch lange tauſchten wir gemeinſame Erinnerungen aus. Die Mädchen freilich hatten ſich ſchon vorher in ihre Gemächer zurückgezogen Auch wir haben dieſe Nacht ganz ausgezeichnet geſchlafen in unſeren Betten, ſofern man über⸗ haupt von ſolchen reden kann. Die Verhältniſſe in den Jugendherbergen ſind, ſoweit wir auf unſerer Reiſe überhaupt davon Gebrauch machten, nicht gerade glänzend. Aber die Anſtrengungen des langen Tages ließen uns alle Unbequemlichkeiten vergeſſen.

Am andern Morgen waren wir ſchon früh auf den Beinen, denn wir hatten ein umfangreiches Programm vor. Zuerſt beſichtigten wir Eiſenachs Sehenswürdigkeiten: die Nikolaikirche, das Lutherdenkmal, das höchſt merk⸗ würdige Denkmal für die Gefallenen, das Cottaſche Haus am Lutherplatz uſw. Auch das Häuschen, in dem unſer großer Meiſter der Fuge und der Kirchenmuſik geboren wurde und ſeine erſten Kinderjahre verlebte, wur⸗ de beſichtigt. Dann ging es hinauf zum Denkmal, das die deutſchen Burſchenſchaften zum Gedächtnis an die Männer gebaut haben, die ſich um die Einigung Deutſchlands verdient gemacht haben. Es iſt ein gewaltiger, 35 m hoher Turm, eine der ſchönſten und wuchtigſteu mir bekannten Denkmalsbauten. Ein wundervoller Blick bot ſich uns auf die Wartburg, die im ſchönſten Sonnenglanze vor uns lag, während dunkelblaue Wolken ſich dahinter in bizarren Formen zuſammenballten; im regenfriſchen Grün erglänzten die ſaftigen Wieſen und die ſich weit hinziehenden Wälder mit ihren Jagdgefilden, während auf der anderen Seite derkahle, aber ſagen⸗ reiche Hörſelberg den Rundblick nach Norden abſchloß.

Nach der Rückkehr in unſereBleibe ſtärkten wir uns aus den mitgebrachten oder gekauften Vorräten für den ſteilen Aufſtieg zur Wartburg. Unterwegs wurden noch ſchnell die Eſel getypt, und dann ging es in