Jahrgang 
1928
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Am Frühnachmittage fand die Verſammlung der Vereinigung ehemaliger Schüler ſtatt. Um 4 ½ Uhr zeigte ein Schauturnen und Handballſpiel der Schüler den Gäſten, daß auch die Leibesübungen im Schul⸗ betrieb eifrig gepflegt werden. Alsdann verſammelten ſich die Schüler, die Eltern und diejenigen Gäſte, die ſchon am Sonntag wieder abreiſen mußten, in der Vereinsturnhalle, um einer Schüleraufführung des Märchen⸗ ſpiels:Das verwunſchene Schloß beizuwohnen, um deſſen Einübung ſich Stud.⸗Rat Weber verdient gemacht hatte. Die Aufführenden gaben ihr Beſtes, und die Aufführung kann als wohl gelungen bezeichnet werden.

Am Abend fand ein Feſtkommers ſtatt, der wie zu erwarten den beſten Verlauf nahm. Zu ihm hatten ſich wieder die alten Schüler, etwa 270, ſowie die Lehrer und die Freunde der Anſtalt eingefunden, und bei Liederſang und Becherklang verſtrichen die Stunden in angenehmſter Unterhaltung nur allzu ſchnell. Für den offiziellen Teil hatte Herr Kreisinſpektor Emde die Leitung übernommen. Den Höhepunkt bildete ſicherlich die mit lautem Beifall aufgenommene Rede des Seniors des Kollegiums, Profeſſor Dr. Saß die mit herz⸗ erfriſchendem Humor, der mit zahlreichen den Eingeweihten nur allzu bekanntenRedensarten und Sprüchen aus der Schulzeit gewürzt war, und wiederum mit tiefem Ernſt die Frage erörterte, was denn eigentlich die Ehemaligen ſo eng mit der Schule verbinde. Sehr bald hatten ſich die einzelnen Altersklaſſen zuſammen⸗ gefunden, und dröhnende Lachſalven durchhallten den geräumigen Saal, wenn wieder mal einer einenSchwank aus ſeinem Schulleben erzählt hatte. Auch die älteſten Semeſter wurden wieder jung und fühlten ſich wieder heimiſch bei uns. Merkwürdig war allerdings, daß die Ortskenntnis im Laufe der Jahre bei manchem merklich nachgelaſſen hatte, denn viele, ſehr viele wagten ſich nicht im Dunkeln auf den Heimweg in der ihnen einſt ſo vertrauten Stadt.

Auch der Sonntagvormittag begann mit einer ernſten Feier. Herr Oberkirchenrat D. von Haller hatte ſich freundlichſt bereit erklärt, den Kirchgang zu einem Feſtgottesdienſt zu geſtalten. Im Anſchluß an den 103. Pſalm(Vers 117) erörterte er von hoher Warte aus die Aufgaben der Jugend, und aufmerkſam lauſchten die Teilnehmer ſeinen eindrucksvollen Worten.

Am Nachmittag ordnete ſich auf dem Schulhof der Feſtzug. An der Spitze marſchierte unſereKnüppel⸗ muſik, geführt von zwei Sextanern hoch zu Roß; dann folgte die Schülerſchaft und das Lehrerkollegium, dem ſich die Gemeindevertretung angeſchloſſen hatte. Daran ſchloſſen ſich in langem Zuge unter Vorantritt einer Muſikkapelle die ehemaligen Schüler, nach Jahrgängen geordnet, die älteſten im Wagen. Die Ehemaligen trugen ſämtlich Schülermützen, und die wirklichen Sextaner und Quartaner ihre Klaſſenmützen wurden beſonders begehrt ergingen ſich in allerlei Mutmaßungen, warum dieſer und jener würdige... Rat gerade ihre Klaſſenmütze auf das bemooſte Haupt gedrückt hatte, denn ſie, die wirklichen Sextaner und Quartaner, hätten ſicherlich nach der Primanermütze gegriffen. So zogen wir unter den fröhlichen Klängen der Muſik durch die Straßen der Stadt, die von zahlreichen Zuſchauern im feſtlichen Kleid belebt waren. Ein Jahrgang erregte beſonders die Aufmerkſamkeit: mit ihren Puſterohren auf der Schulter marſchierten ſie im Zuge wie einſt als Sextaner zum Schulfeſt, und ſpäter veranſtalteten ſie auf dem Kirchplatz ein Preisſchießen nach Würſtchen. Auch die mitgeführte alte geſprungene Schulglocke, die ſo manches Mal durch ihr Erklingen den langerſehnten Schluß der Unterrichtsſtunde angekündigt hatte, und die nun von Zeit zu Zeit ihren blechernen Klang ertönen ließ, bereitete viel Spaß.

Der Feſtzug endete vor demHotel zur Poſt, von deſſen Balkon Herr Direktor Dr. Menk eine kurze, markige Anſprache hielt, in der er zum feſten Zuſammenhalten und zum gemeinſamen Dienſt am Vaterlande aufforderte. Zum Schluß ſangen wir das Deutſchlandlied.

Für den Abend hatte der Verein und die Schule zu einem allgemeinen Unterhaltungs⸗ und Tanzabend eingeladen, an dem auch die oberen Klaſſen teilnahmen. Die Beteiligung war ſo rege, daß ſelbſt ein doppelt ſo großer Saal wie die Turnhalle nicht ausgereicht hätte, um einigermaßen Platz zu bieten, obwohl durch Anbau eines Tanzzeltes noch für Erweiterung des Raumes geſorgt war. Muſikvorträge der Kapelle, Vor⸗ führungen einer Schülerriege am Barren, Geſangsvorträge des Schülerchors, Sologeſänge des Stud.⸗Aſſ. Wieſe und die Wiederholung des Theaterſtückes trugen zum Gelingen des Abends bei. Selbſt die fürchterliche Enge vermochte der fröhlichen Stimmung nicht Abbruch zu tun, und erſt zu ſpäter Stunde ging man auseinander, denn jeder wartete, daß die andern gehen ſollten, damit er ſelbſt mehr Platz bekäme.