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Die Schule unter der Einwirkung des Krieges.
In das Ende der Sommerferien fällt der Anfang des Weltkrieges. Der Direktor und die Oberlehrer Dr. Brandt, Pfeifer und Dr. Baumann mußten ſich innerhalb weniger Tage bei ihrem Truppenteil melden. Viele Schüler konnten nicht rechtzeitig zum Schulbeginn kommen, teils wegen der durch die Truppentransporte geſtörten Eiſenbahnverbindungen, zumeiſt jedoch, weil ſie als Helfer in landwirtſchaftlichen Betrieben in Anſpruch genommen wurden.
Jedoch wurde der Unterricht am Mittwoch, den 4. Auguſt aufgenommen, nachdem der Unterzeichnete, der die Direktorialgeſchäfte übernommen hatte, in einer Andacht auf den Ernſt der Weltlage hingewieſen und die Schüler zum innerlichen Miterleben der großen Zeit und zu treuer Pflichterfüllung in der Heimat ermahnt hatte.
Am 8. und 10. Auguſt fand die Notreifeprüfung ſtatt, der ſich 16 Primaner unterzogen. Alle Prüflinge beſtanden und dienen heute dem Vaterlande mit der Waffe. Außer ihnen ſind noch 6 Schüler aus der Ul, 2 aus der Oll, 2 aus der UlII, die ſämtlich in die nächſt höhere Klaſſe verſetzt werden konnten, als Kriegsfreiwillige in das Heer eingetreten.
Der Unterrichtsbetrieb war nach dem Ausſcheiden von 4 Lehrkräften dadurch aufrechterhalten worden, daß je 2 Klaſſen der Ober⸗ und Mittelſtufe in verſchiedenen Fächern zuſammengelegt wurden. So konnte die volle Stundenzahl einigermaßen erreicht werden. Es ſtellte ſich jedoch ſehr bald heraus, daß bei dieſer Unterrichtsverteilung befriedigende Erfolge nicht zu erzielen waren. Einmal waren die Lehraufgaben der zuſammengelegten Klaſſen zu verſchiedenartig und dann war auch nach Rückkehr der Beurlaubten die Schülerzahl in dieſen Klaſſen zu groß geworden. Aus dieſen Gründen wurden die kombinierten Klaſſen wieder geteilt und die Stundenzahl in den meiſten Fächern gekürzt. Alle Lehrer übernahmen freiwillig Ueberſtunden. Ihnen, und im beſonderen Herrn Konſiſtorialrat von Haller, der ſich bereit erklärte, den Religionsunterricht auch noch in der Sekunda und Tertia zu erteilen, ſchuldet die Anſtalt vielen Dank.
Vom 25. Auguſt ab wurde nach dieſer zweiten Stundenverteilung, abgeſehen von un⸗ weſentlichen Veränderungen auch im Winterhalbjahr unterrichtet, und auf dieſe Weiſe kounten die einzelnen Klaſſenaufgaben, dem Lehrplan entſprechend, im allgemeinen erledigt werden.
Die Schule erblickte in dieſer Kriegszeit ihre Aufgabe nicht nur darin, den wiſſenſchaftlichen Bildungsgang ihrer Schutzbefohlenen ſicher zu ſtellen, ſondern ſie hielt es auch für ihre beſondere Pflicht, die vaterländiſche Geſinnung der Schüler zu vertiefen.
Im Unterricht wurde jede Gelegenheit wahrgenommen, um das Verſtändnis für die kriegeriſchen und politiſchen Ereigniſſe zu fördern.
Nach großen Waffenerfolgen verſammelte ſich die Schule auf dem Schulhof oder im Gemeinde⸗ ſaal zu einer Siegesfeier. Der Unterzeichnete würdigte dann den errungenen Sieg und nach gemeinſamem Geſang eines vaterländiſchen Liedes wurde die Schule einige Stunden eher geſchloſſen.
Herr Oberlehrer Dr. Hufnagel gab in einer Reihe von Vorträgen einen geſchichtlichen Rückblick auf die kriegeriſchen Ereigniſſe, ließ ſie wieder aufleben und faßte die Einzelvorgänge zu einem wirkungsvollen Ganzen zuſammen. Dieſen Vorträgen wohnte der jüngſte Sohn unferes Fürſtenhauſes, Seine Durchlaucht Prinz Georg Wilhelm, bei.
Teilweiſe, um den Ueberblick über die Kriegsereigniſſe nicht zu verlieren, bezw. ſchnell wieder gewinnen zu können, vor allem jedoch, um zu lernen, regelmäßig von ihrem Taſchengeld für einen guten Zweck etwas herzugeben, ſind die Schüler Bezieher des„Weltkrieges“ geworden. Im


