Jahrgang 
1889
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erweiſen, lauſchen ſie in ſpäteren Jahren auf die Weiſen des hebräiſchen Sängers. Dies führt uns ſogleich auf einen anderen Punkt nämlich auf die Quellen, die unſere Dichter als Vorlagen für ihre Dichtungen benutzt haben. Wie ſchon mehrfach angeführt, war es Petrarca und andere italieniſche Meiſter, nach welcher ſie ihre Leier ſtimmten; und hierin liegt das Neue, das bis dahin Unbekannte, was ſie in die engliſche Litteratur einführen; denn zu dieſem Zwecke waren noch nie⸗ mals in England die Werke der italieniſchen Dichter ſtudiert und nachgeahmt worden. Sie waren es, von denen die erſten Sonette in engliſcher Sprache verfaßt wurden; den Ruhm, dieſe Dich⸗ tungsart zuerſt in England eingeführt zu haben, gebührt jedenfalls dem älteren der beiden Freunde. Durch die Sonette war eine neue Form dichteriſcher Compoſition in England eingeführt, die ſogleich von allen bedeutenderen Dichtern des Zeitalters der Eliſabeth häufig nachgeahmt wurde, und die bis zum heutigen Tage nicht wieder außer Gebrauch gekommen iſt. Wie Sidney ſelbſt in der Poeſie ein Schüler Surrey's genannt werden kann, ſo iſt auch in Shakeſpeares Sonetten hier und da noch ein leiſer Anklang an Surrey wahrzunehmen.*) Nicht weniger Neuheit lag aber auch .in der Einführung des zarten und empfindſamen Tones, der durch alle ihre Gedichte weht und ihnen ebenfalls durch Petrarca und ihre anderen italieniſchen Lehrmeiſter vorgezeichnet war. Ein weiterer Punkt, der bei dieſer Gelegenheit nicht vergeſſen werden darf, iſt der, daß Wyatt's und Surrey's Studien in den italiniſchen Dichtern, die vor ihrer Zeit exiſtierten, gleichſam den Weg anbahnten, auf welchem ihre Nachfolger zur Bekanntſchaft mit den größeren in ihrem Jahrhundert entſtandenen italieniſchen Werken geführt wurden. Ihre Vertrautheit mit Petrarcas lyriſchen Dich⸗ tungen war ein Schritt zu Spenſer's Bekanntſchaft mit Taſſo's ritterlichem Epos.

Nach dieſer notwendigen Abſchweifung kommen wir zu den Quellen für ihre Werke zurück. Außer Petrarca haben natürlich auch noch andere italteniſche Dichter Stoffe für ſie geliefert, ſo z. B. Serafino d'Aquila(14661500). Ferner mögen noch manche Dichtungen, die wir heute für Originalwerke halten, Nachahmungen von uns jetzt nicht mehr bekannten Dichtern ſein. Auch Spanien und Frankreich liefern Vorlagen für ihre Dichtungen, die einzeln nachzuweiſen, große Schwierig⸗ keiten hat. Unter den engliſchen Dichtern iſt es Chaucer, der Vater der engliſchen Dichtkunſt, dem ſie ebenfalls manchen tiefſinnigen Gedanken entlehnen. Daß auch die Werke der Klaſſiker ihren Beitrag haben liefern müſſen, braucht bei der Stellung, die unſere Dichter einnehmen, kaum noch erwähnt zu werden. Virgil, Horaz, Martial, Perſius und noch manche andere ſind in vielen Punkten ihre Vorbilder geweſen. Wir werden bei Beſprechung der einzelnen Dichtungsarten noch⸗ mals hierauf zurückkommen müſſen.

Gehen wir nun zur Betrachtung der einzelnen Werke über.

I. Honette.

Wyatt hat die engliſche Litteratur mit 32 Sonetten beſchenkt, während Surrey nur mit 16 vertreten iſt. Von den 32 Sonetten Wyatts ſind 12 Üüberſetzungen Petrarcas, eins iſt Serafino d'Aquila nachgebildet; unter den 16 Sonetten Surreys finden ſich nur 4 direkte Nachahmungen Petrarcas. Ein Sonett Petrarcas(d. 109te) hat ſowohl Surrey als Wyatt überſetzt; ich füge beide, ſowie das italieniſche Original hier bei, damit ſich der Leſer ein Bild machen kann, wie die beiden Dichter ihre Vorlagen behandeln und benutzen.

*) Koch: Shakeſpeare p. 109.