Aufsatz 
Anleitung zur Behandlung taubstummer Kinder von ihrem ersten Alter bis zum Eintritt in die Taubstummenanstalt für Eltern, Lehrer und Geistliche / Abhandlung des Taubstummenlehrers Priester zu Camberg
Entstehung
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übe und kräftige, daß dasſelbe merke, wie der Mund Sprechender für es ein Mittheilungsmittel ſei und ſeine beſtändige Aufmerkſamkeit erfordere. Wie iſt dieſer Zweck zu erreichen?

Faſt allen taubſtummen Kindern entfahren bei gewiſſen Gelegenheiten: in Freude, Schmerz, Schrecken, Furcht, Erſtaunen ꝛc. unwillkührlich Naturtöne, ſelbſt einzelne und auch verbundene beſtimmte Laute. Manche zeigen ſich ſehr ſprechluſtig und begleiten ihre Geberden häufig mit Ausſtoßen von Tönen und Lauten. Ja einige benutzen willkührlich gewählte Töne und Laute, um Perſonen und Sachen zu bezeichnen. Da hören wir, inſofern es ſich durch Buchſtaben andeuten läßt, z. B. Folgendes:, bäbä, dada, mamam, wiwi, hätä und Anderes. So wi⸗ drig dieſe Töne auch klingen mögen, ſo ermuntere man doch dazu. Die Eltern mögen nur ja recht oft ähnliche Lautverbindungen ich ſchlage vor: papa, mama, papapa, mamama, tata, bäbä, hauhau, bibi, huhu, lala, fafa, bubu, dudu, ſchſch ꝛc. ſpielend vormachen und nach⸗ ahmen laſſen, um dadurch die Sprachwerkzeuge und Stimme einigermaßen zu üben. Man denke doch nur, wie ſich ein hörendes Kind den ganzen Tag übt, und doch erſt zur Hervorbringung aller Laute nach Jahresfriſt fähig wird. Wie nothwendig und heilſam ſind alſo ſolche Uebun⸗ gen mit einem taubſtummen Kinde, das nicht von ſelbſt dazu kommen kann, und das ſpäter auch ſprechen lernen ſoll.

Man veranlaſſe das Kind, alle ſeine Gefühls- und Willensäußerungen mit Tönen zu verbinden. Zu dieſem Zwecke begleite man ſeine Hinweiſungen ſelbſt fortwährend mit Sprechen. Dieſes Sprechen, meiſtens in einzelnen Wörtern beſtehend, ſei aber langſam, deutlich und ſtark. Jeden Laut hebe man hervor, wobei man indeſſen ſich verſichern muß, daß das Kind auf den Mund ſieht. Alsdann deute man auf es hin, nicke ihm zu und ſpreche das Wort wiederholt aus, als Zeichen der Aufſorderung, daß es nachſprechen ſolle. Es wird wohl irgend Etwas hervorbrin⸗ gen. Dieſes laſſe man oft wiederholen.

Kindern, die bei ſolchen Ermunterungen ſtumm bleiben, weil ſte nicht wiſſen, was ſie thun ſollen, überhaupt ſolchen, die keine Töne oder doch ſelten von ſich geben, führt der Vater oder Lehrer das Händchen beim Sprechen auf ſeine Bruſt, um ihnen die Erſchütterung, das Zittern der Bruſt des Sprechenden, bemerkbar zu machen. Darauf lege man des Kindes änd⸗ chen auf des Kindes Bruſt, ſpreche ihm einen Laut, etwa a, vor und ermuntere es, den Mund ebenſo zu ſtellen und ſeine Bruſt eben ſo erzittern zu machen. Wahrſcheinlich erfolgt das a. Dasſelbe Verfahren wiederhole man ſo oft, als es beim Nachſprechen nur die Lippe bewegt, nur haucht oder bläßt, ohne ſeine Stimme hören zu laſſen. Bei zu ſchwacher Stimme, oder zu großem Geſchrei lehrt es auch das Gefühl, eine ſeiner Hände auf des Lehrers, die andere auf ſeine Bruſt, den Unterſchied in der Erſchütterung und die Ausgleichung desſelben. Hat man ſo die Stimme des Kindes nur einmal angeregt, hat es ſie gefühlt; ſo hält es nicht ſchwer, ſie immer wieder hervorzulocken, zu üben, zu ſtärken. Warnen muß ich hierbei vor übermäßi⸗ ger Anſtrengung und vor Zwang. Jene würde der Geſundheit des Zöglings und der Natür⸗ lichkeit des Lautes, dieſer der Luſt am Sprechen ſchaden. Dieſe Anregungen der Stimme ſind um ſo gedeihlicher, je freundlicher, leichter, freier ſie ſind.

Bei den Stummen aus Harthörigkeit hat man zur Hervorbringung der Stimme weniger Mühe. Man darf ihnen nur ſo ſtark ins Ohr ſprechen, daß ſie es vernehmen. Gewöhnlich gebrauchen aber dieſe Kinder ihre Stimme von ſelbſt öfter. Dieſelbe iſt wohlklingender, als bei völlig Tauben.

Um dem taubſtummen Kinde nach entlockter Stimme den Nutzen und die Bedeutung der⸗ ſelben recht anſchaulich zu machen, um bei ihm eine größere Luſt zum öfteren Gebrauche derſel⸗ ben zu erwecken, laſſe man eine hörende Perſon ſich von ihm abwenden und, wenn das Kind ſeine Stimme ertönen läßt, ſich ſchnell verwundert und erfreut umwenden. Es wird ſich ſo der Wirkung ſeiner Stimme bewußt werden.