Aufsatz 
Anleitung zur Behandlung taubstummer Kinder von ihrem ersten Alter bis zum Eintritt in die Taubstummenanstalt für Eltern, Lehrer und Geistliche / Abhandlung des Taubstummenlehrers Priester zu Camberg
Entstehung
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immer möglich iſt, halte man ſchlechte Beiſpiele ſeinem Auge fern. Bei redlichem Willen, des Kindes Glück zu befördern und bei ſteter Aufmerkſamkeit auf die Richtung ſeines Geiſtes kann man in allen Fällen unendlichen Segen ſtiften.

8. Unterricht.

a. Sprechunterricht.

Die hier folgenden Andeutungen zu einer heilſamen Vorbereitung auf einzelne Unterrichts⸗ gegenſtände ſind im Allgemeinen mehr unmaßgebliche Winke für Lehrer als für Eltern taub⸗ ſtummer Kinder. Ich habe dabei hauptſächlich Kinder vom ſechsten bis achten Lebensjahre im Auge, ein Alter, mit dem die hörende Jugend unſers Vaterlandes die Schule ſchon regel mäßig beſucht. Es ſteht ja wohl zu hoffen, daß der Lehrer des Wohnortes eines taubſtummen Kindes den Schulbeſuch desſelben nicht blos erlaubt, ſondern es dazu ermuntert. Ich darf dieſe Hoffnung ſchon um ſo mehr hegen, als ich nicht der Meinung bin, daß der Lehrer, dem Taub⸗ ſtummen zu Gute, ſeinen übrigen Unterricht beeinträchtige und ſich in deſſen Unterweiſung ganz beſonders abmühe. Nein, ich denke vielmehr an einzelne, freie Augenblicke, an gelegentlich paſ ſende Hinweiſungen, die jeder Lehrer wohl einem ſolchen Kinde ſchenken dürfte. Wie ermun⸗ ternd für ein taubſtummes Kind, wenn es auch hier ſich nicht zurückgeſetzt ſteht; wie wird es dankbaren Blickes, wenn es einmal Zutrauen gefaßt hat, jeden Wink und Fingerzeig anerken⸗ nen; wie viel beſſer wird es ihm ſein, jeden Tag nur etwa 12 Stunden, die man den El⸗ tern oder Geſchwiſtern, oder Nachbarskindern genau bezeichnen könnte, die Schule zu beſuchen und ſich hier im Schreiben, Zeichnen, Rechnen zu üben, als in dumpfem Hinbrüten oder wil dem Herumlaufen ſich ſelbſt überlaſſen zu bleiben; welcher Gewinn für das Kind, in Bezie hung auf den ſpätern Beſuch der Taubſtummenanſtalt, wenn es ſeine Hand im Schreiben und Zeichnen, ſeinen Zahlenſinn, ſeine Stimme nur etwas geübt mitbrächte! Jedoch warne ich be⸗ ſtimmt vor dem unthätig Sitzenlaſſen. Ich brauche die Nachtheile nicht aufzuzählen. Man wird ihnen aber entgehen, nimmt man das Kind nur in den Stunden in die Schule, in de nen es beſchäftigt werden kann. Außerdem gibt es auch hierzu günſtige Gelegenheiten im häuslichen Kreiſe, die ich weiter unten zu berühren Gelegenheit finden werde.

Was nun insbeſondere den Sprachunterricht betrifft; ſo geht meine Anſicht dahin, daß der Vorbereitung für's Inſtitut, in den bei weitem meiſten Fällen, die vollſtändige Ent⸗ lockung und Einübung der Laute nicht anheimm gegeben werden kann und darf. Den Grund dazu finde ich weniger in der Schwierigkeit der Sache, als in dem Mangel an Erfahrung, Luſt und Zeit. Zudem hat es ſich gezeigt, daß diejenigen Kinder, welche nicht mit der hierzu nöthigen Vorſicht und Kenntniß behandelt wurden, ſpäter hinter ſolchen zurückſtanden, die noch gar keine Kenntniß von Lauten und Lautverbindungen mit in die Anſtalt brachten. Sollten aber für dieſen Unterricht geſchickte Lehrer ſich vorfinden, ſo könnte wohl das betreffende Kind im Sprechunterrichte ſo vorbereitet werden, daß dadurch an der Unterrichtszeit im Inſtitute ab⸗ gekürzt werden könnte.

Segensreich, leicht ausführbar und paſſend für alle Eltern und Lehrer finde ich indeſſen die Anregung der Stimme und die Uebung derſelben im Allgemeinen. Hierzu gehört die Ge wöhnung des Auges auf den Mund ſprechender Perſonen. Jenes iſt die Vorübung auf den ſpätern Unterricht in der Lautſprache, Dieſes auf das Abſehen des Geſprochenen vom Munde des Sprechenden. Hier gilt es alſo, daß das taubſtumme Kind ſich ſeiner Stimme bewußt werde, daß es ſie und mit ihr durch den Gebrauch Lunge, Bruſt und einzelne Sprachwerkzeuge

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