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ihren Grund. Nein, man fordere mit der größten Beſtimmtheit, was man fordern muß; man gebe nicht nach, bis der Forderung genau nachgekommen iſt; auf der andern Seite verneine man kurz und mit entſchiedener Geberde, was man nicht gewähren will. Weder Bitten noch Trotz, weder Geſchrei noch Schmeichelei darf Befehl und Abſicht ändern. Das Kind muß von Anfang an ſeinen Willen unterordnen lernen. Weit beſſer iſt es, gar nichts befehlen, nichts abſchlagen, als ſich von dem ausgeſprochenen Willen abbringen laſſen. Man nehme lieber von Wünſchen und Begehrungen keine Kenntniß; man höͤre und ſehe es gar nicht; man gebe ſeinem Streben eine andere Richtung, indem man ſeine Aufmerkſamkeit auf etwas Anderes richtet.
Es iſt gar leicht, daß der Taubſtumme im ungebildeten Zuſtande ſich in ſeinen Vermu⸗ thungen und Erwartungen getäuſcht findet. Er iſt eben zu unwiſſend. Darum unterſtellt er einer Erſcheinung eine falſche Urſache und erwartet von mancher Urſache eine andere Wirkung. Dies gilt beſonders von den Abſichten und Handlungen anderer Menſchen. Dazu kommt noch, daß man ihn oft abſichtlich täuſcht; erſtlich um ſich einen Spaß zu machen, was eben ſo leicht als roh iſt; zweitens um irgend ein Vorhaben zu bemänteln und ſich aus der Verlegen⸗ heit zu helfen. Dadurch wird aber der Arme an den guten Eigenſchaften Anderer zu zweifeln gewöhnt; er wird mißtrauiſch. Daher kommen die Verſchloſſenheit ſeines Gemüthes, die nothwendig erzeugte Scharfſicht auf die Fehler ſeiner Umgebung, die tiefwurzelnden Zweifel an der Aufrichtigkeit faſt aller Menſchen und andere auf dem Mißtrauen fußende Fehler. Der Erzieher eines ſolchen Kindes ſoll ſich daher durch herzliche, wahre Liebe ſelbſt zuerſt Ver⸗ trauen und hingebende Zuneigung verſchaffen,— die Liebe, die auch glaubt, was ſie nicht ver⸗ ſteht. Er ſoll in Gegenwart des Kindes wahrhaftig ſein, lieber nicht antworten, als dasſelbe täuſchen, oder nur halb antworten. Man gewinne ihm auch die Herzen anderer Menſchen; man veranlaſſe die hörende Jugend freundlich mit ihm umzugehen, es von ihren Spielen nicht auszuſchließen. Lehrer und Geiſtliche können für eine freundliche Behandlung im ganzen Wohnorte viel beitragen.
Je mehr ein taubſtummes Kind ohne Aufſicht herumläuft, je mehr es durch Neckereien, Spott ꝛc. gereizt wird; je weniger es gelernt hat, in Eltern und Lehrern ſeine Herrn und Meiſter, Beſchützer und Freunde zu finden; deſto mehr iſt es zum Schntz auf ſich ſelbſt ange⸗ wieſen. Hierdurch entwickelt ſich nach und nach das boshafte Beſtreben, Andern für erlittenes Uebel wieder Uebels zuzufügen. Es wird rachſüchtig.
Man gewöhne es deßhalb ſchon frühe an Freundlichkeit und Hoͤflichkeit im Umgange; man mache es mit bedauernder Geberde auf den Schmerz des Geſpielen aufmerkſam, den es viel⸗ leicht ſelbſt mit oder ohne Abſicht verurſacht hat, und laſſe es ihn ſelbſt fühlen. Auf der andern Seite darf ihm geſchehenes Unrecht nur vom Erzieher geahndet werden. An ihn muß es ſich in Leid und Freud wenden lernen. Man zeige ihm, auf ſich ſelbſt deutend: ich ſtrafe, nicht du ſtrafſt. Indeſſen nehme man es nicht zu ſehr in Schutz, damit es nicht in Allem Beleidigung finde und widerfahrenes Unrecht mit Geduld ertragen lerne.
Mit der Kunſt der Selbſtbeherrſchung, der ſchönſten und ſchwerſten des Menſchen; mit der Gewöhnung zur Unterordnung unter einen höheren Willen, dem das richterliche Amt zu⸗ ſteht, mit der Erziehung zur Herzlichkeit und Gemüthlichkeit, die keinem Geſchöpfe Gottes wehe thun kann, iſt dem aufbrauſenden, zornigen Weſen auch die Wurzel abgegraben.
Mit der Erregung des Geiſtigen im Menſchen, dem ſich das Sinnliche unterordnet, mit der Steigerung der Freude an ſelbſtthätigem Schaffen verliert auch die ſinnliche Genuß⸗ ſucht Grund und Boden.
Ueberhaupt aber iſt das Beiſpiel der Umgebung, wie in aller Erziehung, ſo auch bei dem taubſtummen Kinde, einer der erſten Hebel zu reinerer Sittlichkeit. So weit es alſo nur


