15
dann nimmt nur zu leicht die Affenliebe und das Mitleid für ſein körperliches Gebrechen es in Schutz und das ſittliche Gefühl wird mißleitet. Wahre Liebe und Achtung, die man ſich zu gewinnen weiß, ſind die Pfeiler, an denen dieſes Gefühl ſich emporrankt.
Jene Liebe, die auch im Ernſte, im Tadel und bei der Strafe durchleuchtet, die von ſelbſt der Perſon und dem Befehl Achtung und Gehorſam verſchafft, wird auch im Kinde die rechte ſittliche Stimmung erzeugen.
Die Anregung des religiöſen Gefühls iſt vor dem Beginne des eigentlichen Unter⸗ richtes eines Taubſtummen ebenfalls weder eine Unmöglichkeit, noch eine Schwierigkeit, noch eine Unzeitigkeit; ſie iſt vielmehr ein großer Gewinn. Der Grund für dieſe Behauptung liegt in der Ahnung des Höheren, die man auch bei dem taubſtummen Kinde leicht und nie zu frühe durch gelegentlich paſſende Hinweiſung nach oben, dem Zeichen für Gott, hervorrufen kann und die der ſpätern Wortbezeichnung auf halbem Wege entgegenkommt.„Das Erhabene iſt die Tempelſtuſe zur Religion, wie die Sterne zur Unermeßlichkeit. Wenn in die Natur das Große hinein⸗ tritt, der Sturm, der Donner, der Sternenhimmel, der Tod; ſo ſprecht das Wort Gott vor dem Kinde aus. Ein hohes Unglück, ein hohes Glück, eine große Uebelthat, eine Edelthat ſind Bau⸗ ſtätten einer wandernden Kinderkirche.“(Levana). Bei dem taubſtummen Kinde muß die Hin⸗ weiſung nach oben, mit der edelſten, feierlichſten, ernſteſten Miene, das geſprochene Wort bei ſolchen Gelegenheiten einigermaßen zu erſetzen ſuchen. Hält man ferner darauf, daß das taub⸗ ſtumme Kind beim Gebete der Eltern und Geſchwiſter im häuslichen Kreiſe, wenn auch nur äußerlich, mit gefalteten Händchen und feierlichem Ernſte ſich betheiligt; daß es mit zur Kirche geht und hier die ganze betende Gemeinde in ihren Gebräuchen und ihrer Andacht beobachtet: ſo kann es nicht fehlen, dieſes Aeußere wird bei der verſchloſſenen Pforte ſeines Ohres einen Weg zu ſeiner Seele finden; die Nähe Gottes wird ſich auch bei ihm durch heilige Schauer bewahrheiten; das religiöſe Gefühl wird aus ſeinem Schlummer erwachen. Wie dunkel auch dieſe Ahnung ſei, welches Bild ſich auch ſeine Seele von dem Höhern, vor dem es Aller Kniee ſich beugen ſieht, ſchaffen möge; ein göttlicher Funke iſt in ſeine Seele gefallen, belebend, er⸗ wärmend, zähmend und ſtrafend. Du haſt nun ſchon Etwas, Erzieher, auf welches du bei Lohn und Strafe hinweiſen mögeſt. Der ſpätere Unterricht findet eine vorbereitende Stätte 8).
Iſt nach Obigem das Gefühl angeregt und richtig geleitet worden, ſo wird ſchon von ſelbſt Wollen und Beſtreben eine gute Richtung nehmen. Ich beſchränke mich darum, nur noch auf einzelne Abwege aufmerkſam zu machen, auf welche durch falſche Behandlung Charak⸗ ter und Wille des Taubſtummen leicht und oft geräth.
Wir begegnen hier zunächſt dem Eigenwillen. Es iſt dabei wohl zu unterſuchen, ob das Kind auf ſeinem Willen deßhalb vielleicht beharrt, weil es den Befehl oder Wunſch der Eltern nicht verſtanden hat und dieſe ſeine Erwiederung etwa auch falſch gedeutet haben ſollten. Man mache alſo wiederholt ſeinen Willen ſo deutlich wie möglich, ehe man dem Kinde durch Unterſtellung des Ungehorſams Unrecht thut. Dasſelbe würde durch Mißverſtändniß getäuſcht und mißtrauiſch werden.
In der zu großen Aengſtlichkeit ſeiner Umgebung, die ſich auf das natürliche Mitleid mit ſeinem Gebrechen ſtützt, in dem Allesgewähren, was nur in des Kindes Sinn kommt, haupt⸗ ſächlich aber darin, daß man von ſeinen Befehlen ſo leicht abgeht, auf halbem Wege ſtehen bleibt und ſich mit der ſchlaffen Ausrede behilft:„was will ich machen, ich muß ſchon dem armen Kinde etwas nachgeben,“ hat der Eigenſinn, Ungehorſam, die Unlenkſamkeit des Willens
8) Ich erinnere hier an die Abhandlung:„Beitrag zur ſittlichen und religiöſen Behandlung der Taub⸗ ſtummen von B. Meckel, Taubſtummenlehrer,“ die im Jahre 1842 im Programm zur Frühlingsprüfung er⸗ ſchienen iſt.


