Aufsatz 
Anleitung zur Behandlung taubstummer Kinder von ihrem ersten Alter bis zum Eintritt in die Taubstummenanstalt für Eltern, Lehrer und Geistliche / Abhandlung des Taubstummenlehrers Priester zu Camberg
Entstehung
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Säſte vertheilen ſich dann in mehrere Aeſte des Lebensbaumes. Die Sinnlichkeit wird beſchränkt. Efeanhligen Leitung des ſinnlichen Gefühls dürfte aber die Beachtung nachfolgender Sätze erſtreben. Man erwirkt die Freudigkeit des Kindes nicht dadurch, daß man ihm keinen Genuß verſagt, ſondern durch die Beförderung der freien Selbſtthätigkeit. Gewöhnt darum euer Kind ſchon frühe an Entſagung durch beſtimmte Verneinung und Vorenthaltung, euer taubſtummes Kind, dem das Leben ſpäter ſo viel verſagt. Dagegen laßt es ſelbſtthätig wirken. Spiel und Bewe⸗ gung in der freien Natur mit Blumen, Steinchen, Sand und Hölzern bereitet ihm nicht nur, ſondern ermuntert es jederzeit dazu!

Geſchieht dem Kinde ein Leid, iſt es krank, fällt es ꝛc., ſo bleibt ruhig und gefaßt; zeigt Bedauern, Schrecken, Sorge nicht zu augenſcheinlich. Waffnet es durch frühzeitige Gewöhnung, wie oben an Entbehrungen, ſo hier an Ertragung von Schmerzen. Wenigſtens räumt ihm kei⸗ nen Vorzug ein. Noch verkehrter aber wäre es, dasſelbe durch Gewährung eines Genuſſes von einem Vorhaben, von ſeinem Eigenſinn, Zorn ꝛc. abbringen zu wollen. Es würde ſpäter dies nicht nur als einen Kunſtgriff gebrauchen, um etwas zu erlangen, ſondern auch dem Genuß eine gewiſſe Wichtigkeit unterſchieben.

Schönheit, Wahrheit und Tugend ſtammen vom Himmel und führen zu ihm zurück.

Ich will damit hier blos die Wichtigkeit der Anregung des Gefühls zuerſt für das Schöne andeuten und muß um ſo mehr darauf aufmerkſam machen, je mehr die taubſtummen Kinder auch hierin vernachläſſigt werden. Gefühl für das Schöne iſt ja eine Wurzel für Ord⸗ nungsliebe, Reinlichkeit und gute Sitten.

Begegnet auch den taubſtummen Kindern durch die beſchränkten Lebensverhältniſſe der mei⸗ ſten ihrer Eltern das Schöne im häuslichen Leben leider ſo ſelten; ſo theilen ſie doch den Ge⸗ nuß der Schönheit in Gottes freier Natur mit allen Menſchen. Zeigt man dem Kinde mit freundlicher, verwundernder Geberde die Blumen, Vögel, Schmetterlinge, den Mond, die auf⸗ und untergehende Sonne, den Regenbogen, die lachende Gegend von der Höhe des Berges c., ſein Gefühl für Schönheit wird erwachen. Auch wo die Kunſt an einem Bilde, einem ſchönen Gebäude ꝛc. uns nahe tritt, laſſe man es ſtille ſtehen und betrachten. Es erhebt ſich das menſch⸗ liche im Menſchen wunderbar aus der Thierheit durch Schönheit. Sie verklärt ſo das innere, wie das äußere Auge.

Auch der Wahrheit habe ich oben gedacht. Die Luſt zur Wahrheit und Erkennt⸗ niß trägt ihr Erregungs⸗ und Reizmittel in ſich ſelbſt. Man ſollte ſie weder verkennen, noch tödten. Sie wird verkannt, wenn man ſie durch Belohnungen erhöhen, oder zur Erreichung eines äußern Zweckes benutzen wollte; ſie wird getodtet und verkehrt ſich zur Lüge, wenn man nicht durch Freundlichkeit und liebevollen Ernſt, ſondern durch Gewalt zum Lernen anzutreiben glauben würde; erregt wird aber das Wahrheitsgefühl durch die Lehhaftigkeit und Luſt der El⸗ tern und Lehrer ſelbſt, die ſie bei den belehrenden Unterhaltungen mit dem Kinde an den Tag

legen.

1 Die Liebe zum Guten, das ſittliche Gefühl, bedarf der beſonderen Beachtung der El⸗ tern taubſtummer Kinder, da es der Boden iſt, aus dem die Handlungen der Menſchen erwach⸗ ſen, da es bei den noch nicht ſchulfähigen Gehörloſen nur zu oft falſch geleitet oder abgeſtumpft wird. Das ſittliche Gefühl eines Solchen bleibt matt und ſchief dadurch, daß man ſeinen auf⸗ keimenden Neigungen nicht mit der gehörigen Entſchiedenheit begegnet, daß man es vor Andern in Schutz nimmt, daß böſe Beiſpiele bei ſeiner Empfänglichkeit den Himmel des reinen kindlichen Gemüthes verfinſtern. Je beſſer alſo das Beiſpiel iſt, deſto mehr erſtarkt das ſittliche Gefühl, deſto weniger Antrieb zum Böſen wird ſich auch bei ihm äußern. Wird aber das Kind unartig,