Aufsatz 
Anleitung zur Behandlung taubstummer Kinder von ihrem ersten Alter bis zum Eintritt in die Taubstummenanstalt für Eltern, Lehrer und Geistliche / Abhandlung des Taubstummenlehrers Priester zu Camberg
Entstehung
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Kind ſelbſt das Verkehrte deines Vorhabens anzeigen. Dann ſprich, die Miene fragend nebſt dem Zeichen für eſſen, als wenn man einen Biſſen Brod in den Mund ſtecke und darauf beiße: Was iſt eßbar? Das Kind wird auf Brod, Weck, Latwerge ꝛc. zeigen. Deute auf die leere Taſſe, den Tiſch, das Meſſer oder ſonſt Etwas, und dasſelbe wird auf die wiederholte Frage mit Kopf⸗ ſchütteln und Lächeln antworten. So lernt das Kind Speiſen von Ungenießbarem unterſcheiden, und man kann nun leicht noch andere Speiſen bezeichnen.

Ebenſo laſſe man Getränke durch die auf dem Tiſche befindlichen, Milch und Kaffee, zu⸗ nächſt von den Dingen auf dem Tiſche unterſcheiden und noch andere beifügen, wie: Waſſer, Bier, Aepfelwein ꝛc. Wie leicht iſt es nun dabei zu erinnern und zu verdeutlichen, wo das Waſſer geholt, das Bier gekauft wurde, wie die Aepfel geſtoßen, gekeltert und der Moſt in Fäſſer geſchüttet wurde, wie die Milch gemolken und der Kaffee gemahlen wird ꝛc.! Ich darf ja wohl annehmen, daß man beſonders die Kinder auf dem Lande bei derartigen Arbeiten zuſe⸗ hen und ſich auch oft betheiligen läßt.

Ich muß hier noch auf den großen Nutzen hinweiſen, den Bilder und deren, wenn auch mangelhafte, Nachbildung mit Bleiſtift, Griffel oder Kreide in Beziehung auf vorliegenden Zweck haben. Man kann dieſelben entweder dem Kinde zu ruhiger Beſchauung allein überlaſſen, oder ſolche bei obigen Unterhaltungen zu vielfältigerer Vergleichung und Erweiterung gebrauchen. Anfangs muß man nur die Gegenſtände des Bildes mit denen der Wirklichkeit, abwechſelnd auf Eins und das Andere hinzeigend, vergleichen laſſen 7).

b. Vorbereitende Erziehung in Abſicht auf das Gefühls- und Willens- vermögen.

Da das taubſtumme Kind dieſelben geiſtigen Anlagen, wie das hörende beſitzt, ſo ſollte man wohl denken, beide würden auch in ihrer Entwickelung gleichen Schritt halten. Die Außenwelt iſt ja mit ihren Erſcheinungen für Eins, wie für das Andere da. Die Erfahrung lehrt anders.

Die bisher gewöhnlich und geſetzlich mit dem achten Lebensjahre in die Taubſtummenan⸗ ſtalt aufgenommenen Kinder ſind durchgängig in ihrem Bildungsſtand, in Beziehung auf Gefühl und Sitte, ſehr verſchieden von den Vollſinnigen ihres Alters. Noch größere Verſchiedenheit aber findet man unter den erſtern allein. Zwar ſind auch hörende Kinder unter ſich ſehr ver⸗ ſchieden, wenn ſie die Schule beſuchen, aber nicht in dem Grade, wie erſtere. Woher kommt das? Es kommt von dem gänzlichen Mangel des Gehörs, von dem verſchiedenen Grade der Harthörigkeit und der in beiden Fällen damit verbundenen Unfähigkeit der Sprachaneignung ei⸗ nestheils; es kommt von der ſehr verſchiedenen und oft ganz verkehrten Behandlung anderntheils.

Einige wenigſtens wohlgemeinte Winke und Rathſchläge zur zweckmäßigern Bildung des Gefühls und Willens taubſtummer Kinder werden alſo hier ſelbſt dann am Platze ſein, wenn man auch richtige Erziehungsgrundſätze in verſtändigen gutgeſinnten Familien vorausſetzen dürfte. Bei einem Taubſtummen glaubt man immer eine Ausnahme machen zu müſſen.

Die vorherrſchende Entwicklung der Sinnlichkeit iſt bei dem Taubſtummen leicht erklärlich, da ihm ein Hauptmittel zur Anregung des Geiſtigen fehlt. Seine Kraft richtet ſich darum mehr auf dieſen einen Punkt hin. Hier ſind alſo Ableiter und richtige Leiter nothwendig. Ablei⸗ tend wirkt aber die Anregung des Verſtandes, wie wir es in Obigem angeführt haben. Die

7) Obgleich man dazu die genaueſten Zeichnungen beſitzen ſollte, ſo iſt deren Beſchaffung aus bekannter Urſache ſelten möglich. Recht brauchbare Bilder bezieht man von Scholz in Mainz, das Stück zu 2 bis 3 Kreuzer. Wer wollte ſeinem armen taubſtummen Kinde weniger Kreuzer wegen die Freude und den Nutzen

vorenthalten? Stehen die Mittel zu Gebote, ſo laſſe man ſich die Bilder zum Anſchauungsunterricht von Hill kommen. Preis: 3 G 36.