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9. Affen oe und Vernachläſſigung ſind die Mutter der meiſten Fehler bei taubſtummen indern.
6. Körperliche Erziehung.
Obgleich die körperliche Erziehung eines taubſtummen Kindes im Allgemeinen ganz dieſelbe iſt, wie die des Hörenden; ſo muß ich doch hier, von der Wichtigkeit derſelben für Alle abge⸗ ſehen, um ſo mehr davon reden, als ſich die Taubſtummen in Folge des Gehörmangels allerlei Unarten angewöhnen, die das Gefühl der Schicklichkeit und des Anſtandes ſehr verletzen. Dazu kommt noch die beſondere Aufforderung der körperlichen Pflege, wenn dieſe Kinder in Folge einer Krankheit des Gehörs beraubt wurden, die auch zugleich den ganzen Organismus gedrückt und in der Entwicklung gehemmt hat.
Geſundheit, Stärke, Gewandtheit und Schönheit ſind die vier Punkte, auf welche bei der körperlichen Erziehung unſer Augenmerk gerichtet ſein muß. Bedingungen ſind:
1) naturgemäße Nahrung, 2) Reinlichkeit,
3) zweckmäßige Kleidung, 4) geſunde Wohnung und 5) Leibesübungen.
Bei dem erſten Punkte habe ich hier nur zu erwähnen, daß man ſich ja nicht durch all⸗ zu große Nachgiebigkeit und Gutmüthigkeit, die nichts abſchlagen kann, verleiten laſſen darf, dem taubſtummen Kinde ſo oft und ſo viel zu geben, als es verlangt. Das arme Kind wird da⸗ durch nicht glücklicher; vielmehr werden die Säfte des Körpers verdorben und veranlaſſen man⸗ cherlei Krankheiten. Darum Mäßigkeit und Ordnung.
Die Reinlichkeit habe ich nicht nöthig beſonders zu empfehlen; ſie empfiehlt ſich ſelbſt. Aber daß man die Unreinlichkeit des taubſtummen Kindes nicht überſehen, ſondern mit unwil⸗ ligem Geſichte verweiſen, daß man ihm das Reinigen der einzelnen Körpertheile öfters und mit beſtimmt ausgeprägtem Willen: ſo muß es ſein, vormachen ſollte, muß ich anführen, weil alle anderen Ermahnungen an dem verſchloſſenen Ohre zerſchellen.
Insbeſondere empfehle ich dringend, wofern der Arzt, der darüber erſt gehört ſein muß, keine Einſprache erhebt, das öftere Waſchen des ganzen Körpers mit kaltem Waſſer, jedoch in kälterer Jahreszeit in einem mäßig erwärmten Zimmer. Nach der Waſchung trockne man den Körper ziemlich raſch und kräftig ab und veranlaſſe das Kind nach dem Ankleiden je nach der Witterung entweder zu turneriſchen. Bewegungen im Zimmer oder freier Bewegung außer dem Hauſe. Nervenſchwachen, ſonſt ſchwächlichen, empfindlichen, eßunluſtigen Kindern wird dies zu beſonderem Heile gereichen.
Leider ſind die beiden andern Punkte: zweckmäßige Kleidung und eine geſunde Wohnung, durch die ärmlichen Vermögensverhältniſſe der meiſten Eltern taubſtummer Kinder ſehr in Frage geſtellt. Wohl können jedoch auch die ärmſten Eltern ihre Kinder vor zu warmer Kleidung, beſonders der Kopfbedeckung, vor ungeſunder, alter, verpeſteter Luft durch Oeffnung der Fenſter, und vor dem Hinbrüten am heißen Ofen ꝛc. bewahren.
Man möge mir geſtatten, bei dem 5. Punkte, der Leibesübung etwas länger zu ver⸗ weilen.
Hier gilt es beſonders, die oben angeführten, körperlichen Unarten, z. B. ſchleppenden, ſchleichenden, tappenden Gang, ſchlaffe Gliederhaltung, krumme Haltung des ganzen Körpers ꝛc. auszumerzen; es gilt der Kräftigung des ganzen Körpers und ſeiner einzelnen Glieder bis zur Gewandtheit; es gilt aber auch rückwirkend der Kenntniß ſeiner Kraft, die einerſeits Vertrauen


