Aufsatz 
Anleitung zur Behandlung taubstummer Kinder von ihrem ersten Alter bis zum Eintritt in die Taubstummenanstalt für Eltern, Lehrer und Geistliche / Abhandlung des Taubstummenlehrers Priester zu Camberg
Entstehung
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darf dann nur den früherenZuſtand mit dem jetzigen vergleichen, um zu finden, daß das Kind ſehr ſchwerhörig oder taub iſt. Auch in dieſem Falle kann man ſich jedoch leicht täuſchen. Die taub gewordenen Kinder verſtehen nämlich die Sprache ihrer Eltern nach wie vor, ſobald dieſelbe wie gewöhnlich mit Geberden begleitet iſt. Hierdurch werden die Eltern nicht ſelten zu dem Glauben verleitet, als ob ihre Kinder noch immer hörten. Dieß iſt auch um ſo eher mög⸗ lich, da ſie anfangs noch einige Zeit, wie früher zu ſprechen fortfahren und erſt ſpäter allmählig ſtumm werden.Gegen das Ende des erſten Jahres verſtehen Kinder, wenn ihnen das Ge hör nicht fehlt, in der Regel die zu ihnen geſprochenen Worte über Dinge aus dem gewöhn⸗ lichen Leben. Im zweiten Jahre können ſie gewöhnlich ſchon ganze Worte nachſprechen. Wenn daher Eltern bemerken, daß ihre Kinder, ſelbſt in einem ſpätern Alter, dieſes nicht vermögen; ſo muß dadurch bei ihnen die Beſorgniß erregt werden, daß fehlendes Gehör die Urſache dieſer Sprachloſigkeit ſei.

Ich füge ſchließlich noch hinzu, daß man die Mühe nicht ſcheuen und anerkannt tüchtige Aerzte, ſowie Lehrer an Taubſtummenſchulen zu Rathe ziehen möge, um ſich von der quälenden und ſchädlichen Ungewißheit zu befreien, worin die Stummheit eines Kindes ihren Grnnd habe.

5. Allgemeine Grundſätze, die bei der Behandlung eines taubſtummen Kindes in der Vorbereitung für das Taubſtummeninſtitut zu befolgen und zu beachten ſein dürften.

1. Die Stummheit iſt lediglich Folge der Taubheit, weßhalb denn auch die geiſtige Lebens⸗ thätigkeit ſich nur durch Naturtöne und Geberden äußert.

2. Geſicht und Gefühl ſind die beiden Sinne, auf welche man bei den Taubſtummen haupt⸗ ſächlich einwirken muß.

3. Die innige Verbindung des Körpers und Geiſtes und ihre Abhängigkeit von einander ſind die Urſache, daß Krankhaftigkeit auf der einen Seite die andere beeinträchtigt. Nur in einem geſunden Körper kann ſich der Geiſt frei entwickeln, während anderſeits der ange⸗ regte Geiſt dem Körper Spannung, den Sinneswerkzeugen Schärfe und größere Empfäng⸗ lichkeit verleiht. Die gleiche geiſtige Kraft vorausgeſetzt, tritt ſte bei den Taubſtummen durch ein lebhafteres, ſchärferes Auge und feineres Gefühl beſonders hervor.

4. Die erſte Aufmerkſamkeit, die man dem taubſtummen Kinde zuwenden muß, ſei auf die Entwickelung des Körpers gerichtet.

5. Da die Einwirkungen der Außenwelt durch das Geſicht und Gefühl, deſſen Werkzeug der ganze Körper iſt, anfangs keinen Haltpunkt in der Seele finden; ſo verſchwinden ſie wie der wie Schatten und Nebelbilder. Der erſte intellektuelle Unterricht bedarf alſo nicht nur der ſtetigen, ſinnlichen Anſchauung, der wiederholten Anſchauung des Angeſchauten, ſondern auch der beſtimmten Hinweiſung und Unterſcheidung.

6. Da beſtimmte Vorſtellungen einer Form bedürfen, mit welcher ſie in der Seele haften, und da die artikulirte Wortſprache durch den Gebrauch auf dem gewöhnlichen Wege, durch das Gehör nicht erlernt werden konnte; ſo iſt das erſte Mittheilungsmittel der natürliche Ge⸗ berdeausdruck.

7. Man achte darum vorzüglich auf die Zeichen, Mienen und Geberden des Kindes, nehme ſie an, trage ſie zur Bezeichnung auf das Gleichartige und Ungleichartige bejahend und verneinend über; berichtige und erweitere ſie durch dieſelben Vorſtellungen und Begriffe; leite durch ſie Gefühl und Willen.

8. Taubſtumme Kinder verlangen in der Behandlung größere Liebe und Geduld, aber auch größere Strenge und entſchiedneren Ernſt als Vollſinnige, die man durch Worte mehr leiten kann.