Aufsatz 
Anleitung zur Behandlung taubstummer Kinder von ihrem ersten Alter bis zum Eintritt in die Taubstummenanstalt für Eltern, Lehrer und Geistliche / Abhandlung des Taubstummenlehrers Priester zu Camberg
Entstehung
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traurigen Erſcheinung moͤglichſt bald erforſchen. Nur dann kann ja natürlich der Arzt erſt hel⸗ fen, wenn er den Sitz der Krankheit kennt; er kann um ſo beſſer helfen, je fruͤher ihm der wahre Zuſtand des zu Behandelnden klar geworden iſt. Wie viele Fehler ſind nicht ſchon in der Behandlung gehörloſer Kinder aus Unkenntniß der Urſache mancher Erſcheinung gemacht worden! So wichttg aber dieſe frühzeitige Erkenntniß iſt, ſo ſchwer iſt es, mit unumſtöͤßlicher Gewißheit ſagen zu können: Dieſes oder Jenes iſt das untrügliche Mittel, woran man das aus Taubheit ſtumme Kind augenblicklich erkennt. Eins iſt nicht das Andere. Vorerſt iſt zu beden⸗ ken, daß das Gehör vor, in und nach der Geburt verloren gehen kann. Der Verluſt dieſes Sinnes nach der Geburt kann zu der Zeit erfolgen, wo das Kind zwar noch nicht zu ſprechen, aber doch ſchon auf Schallempfindungen ſich zu äußern im Stande iſt. Letzteres Kind wird den Beobachter weit eher täuſchen, als das völlig taubgeborne. Ferner iſt zu bedenken, daß die Sprech⸗ und Verſtehunfähigkeit nicht blos in völliger Gehörloſigkeit, ſondern in großer Harthö⸗ rigkeit ihren Grund hat. Zudem iſt die Harthörigkeit dem Grade nach verſchieden. Die Taub⸗ ſtummenlehrer ſprechen in dieſer Beziehung von ſchlechtem und gutem Schallgehör und wollen damit die Grade derjenigen Harthörigkeit bezeichnen, die das Kind immerhin noch unfähig macht, die Lautſprache wie Andere zu erlernen. Alle dieſe Punkte müſſen von dem Unterſucher, ob ein Kind wirklich taub, d. h. in unſerm Falle, ob es wie ein Taubſtummer zu behandeln ſei, wohl berückſichtigt werden.

Auf wen Schall, Ton, Laut ꝛc. keine Empfindung hervorbringt, dem mangelt das Gehör. Wer alſo bei einem Kinde darauf achtet, ob das Schallende ꝛc. ſeine Aufmerkſamkeit erregt oder nicht, wird ſich bald über Gehör oder Gehörmangel ein Urtheil bilden. Je öfter, aufmerk⸗ ſamer und verſchiedenartiger man darüber Beobachtungen anſtellt, deſto ſicherer wird das Urtheil ſein. Und es iſt ſehr nothwendig, daß man dieß oft und auf mancherlei Weiſe vornimmt, da man deſſen ungeachtet doch manchmal getäuſcht werden kann. Vor allen Dingen iſt wohl zu unterſcheiden, ob die erfolgte Aufmerkſamkeit, die ſich durch Umſehen, Unruhe bemerkbar macht, eine Folge des Reizes auf das Gefühl oder Gehör iſt. Der rollende Wagen, das Stampfen, Stoßen, Schießen, Läuten, Pfeifen, Fallen ꝛc. können auch durch die Erſchütterung bemerkbar werden).

Wenn alſo ein Kind öfters ſich bei Einwirkungen eines unvermuthet, in nicht zu großer Entfernung, eintretenden Schalles unberührt zeigt, ſo darf man die Taubheit desſelben an⸗ nehmen..

3 Das harthörige Kind wird ſich nur dem ſtärkeren Schalle zuwenden, während gewöhnliche Töne, gemäßigt Geſprochenes keinen Reiz bei ihm haben. Dieſes wird ebenſowohl, wie das gänzlich taube, die Lautſprache auf gewöhnlichem Wege nicht erlernen und darum auch als taub⸗ ſtumm zu behandeln ſein.

Dr. Schmalz ſagt in ſeinerFaßlichen Anleitung die Taubſtummheit in den erſten Le⸗ bensjahren zu erkennen und möglichſt zu verhüten:Iſt dieſelbe(die Taubheit) in einem Alter, wo die Kinder die Worte ſchon verſtehen und ſprechen konnten, durch eine der oben genannten, hitzigen Krankheiten 3) veranlaßt worden, ſo iſt die Erkennung derſelben nicht ſchwer. Man

²) Des Verfaſſers taubgeborner Bruder konnte bemerken, wenn es in die Kirche läutete. Er fühlte es an den Fenſterſcheiben.

3)Durch fieberhafte Hautausſchläge, beſonders Scharlachfieber(Rötheln) und Maſern; Entzündungen der Gehörwerkzeuge durch Erkältung und Verletzung, wie Schläge, Stöße, Fälle, ſchwere Geburten; Eiterungen in den Ohren(Ohrenflüſſe); Krankheiten der Nerven und des Gehirns, z. B. Entzündungen des letztern, Waſ⸗ ſerkopf, Krämpfe, fallende Sucht; bisweilen durch Krankheiten der den Gehörwerkzeugen naheliegenden Theile, z. B. durch heftige Halsentzündung oder Bräune, durch heftigen oder langwierigen Schnupfen; häufig durch Drüſenleiden, die ſogenannte engliſche Krankheit; ungeſunde Nahrung, feuchte und dumpfige Wohnungen.