Aufsatz 
Anleitung zur Behandlung taubstummer Kinder von ihrem ersten Alter bis zum Eintritt in die Taubstummenanstalt für Eltern, Lehrer und Geistliche / Abhandlung des Taubstummenlehrers Priester zu Camberg
Entstehung
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pers, Aufſperren oder Verziehen des Mundes, ſinnloſe Geberden, Geheul und andere widrige Töne, häufiges Lachen ohne Urſache, ſchnaufender Athem, unanſtändige Naſe nc. ꝛc.

Wer dies lieſt, ſollte er nicht Erbarmen haben und ſich dringend aufgefordert fühlen zu helfen, wo und wie er nur kann? Aber mehr noch ſteigert ſich unſer Mitgefühl und Bedauern, wenn wir einen Augenblick bei dem geiſtigen Zuſtande eines verwahrloſten oder verzogenen un⸗ unterrichteten Taubſtummen verweilen. In den vielfachen Verhältniſſen des Lebens hinter dem Thiere zurückbleibend, das doch durch ſeinen Inſtinct geleitet wird, in der Anlage hoch über ihm ſtehend, gleicht er einem vergrabenen Schatze, über welchem das Unkraut üppig wuchernd auf⸗ ſchießt. Todt liegt der göttliche Funke zur Vernunft in tiefem Schacht ſeiner Seele und kann die aufkeimenden Triebe und Leidenſchaften weder leiten noch meiſtern. Sie haben freien Spiel⸗ raum. Dazu kommt noch, daß er zuweilen dem roheſten Spotte und Hohne ausgeſetzt iſt, als wenn ſein Zuſtand nicht ſchon an ſich traurig genug wäre, ſowie daß er von Haus aus gänzlich verwahrloſt, ſich ſelbſt und dem Zufall überlaſſen iſt.

Häufiger aber als dieſe Folgen einer gefühlloſen Umgebung ſind diejenigen einer allzu zart⸗ fühlenden ängſtlichen Sorge und immer bereiten Willfährigkeit. Hier fühlt es das Kind bald heraus, daß es der Herr des Hauſes iſt, dem Alles dient, dem kein Wunſch unerfüllt, keine Luſt unbefriedigt bleibt. Welche großen ſittlichen Fehler entſtehen daraus! Welch große Ver⸗ ſchiedenheit zwiſchen dieſem Familienleben und dem Leben ſpäter in der Schule und nach der Entlaſſung aus derſelben! Daher erſcheint der Unglückliche im Vergleich zu ſeinem hörenden Bruder bösartiger, leidenſchaftlicher, mißtrauiſcher, reizbarer, rachſüchtiger, ſinnlicher ꝛc. Er iſt meiſtens nicht an Aufmerkſamkeit, Gehorſam, Arbeitſamkeit, Ordnung, Freundlichkeit, Reinlich⸗ keit, Achtung vor dem Eigenthum Anderer ꝛc. gewöhnt.

4. Mittel zur zeitigen Erkennung der Taubheit, ſowie Urſachen derſelben.

Die Stummheit eines Kindes kann ihren Grund haben: 1) im Blödſinn, 2) in Fehlern der Sprachwerkzeuge und 3) in der Taubheit.

Der Blödſinn beruht faſt durchſchnittlich weniger auf Fehlern an den Sinneswerkzeugen und Nerven, als auf mangelhafter Ausbildung des Gehirns, dem Werkzeug des Geiſtes. Deſ⸗ ſen anderweitige Folgen übergehend, da der Blödſinnige nicht in die Taubſtummenanſtalt gehört, bemerke ich nur, daß er häufig auch ſtumm iſt. Dieſe Stummheit kommt aber meiſtens nicht von Taubheit her; vielmehr ſpricht der Blödſinnige nicht, weil er nichts zu ſprechen weiß, wie das Thier und auch das kleine Kind, ehe es ſprechen kann; es ſpricht nicht, weil die Sprache Anderer für ihn inhaltloſe Schälle ſind, obgleich er ſie hört 1). An ſeinem thieriſchen Beneh⸗ men, an ſeiner Spraͤchloſigkeit trotz ſeines Gehörs iſt er leicht zu erkennen, braucht alſo hier nicht weiter in Betracht zu kommen.

Kinder, die durch mangelhafte Bildung der Sprachwerkzeuge ſtumm bleiben, ſind höchſt ſelten. Sie können im Umgang mit andern Menſchen durch den Gebrauch des Ge⸗ hörs deren Sprache verſtehen lernen, mithin, wie jedes andere Kind, unterrichtet und gebildet werden. Ihr Mittheilungsmittel iſt die Schrift. Sie ſind weit leichter zu erkennen, als Erſtere.

Die Erkennung der Taubheit als Urſache der Stummheit iſt uns hier das Wichtigſte. Es muß auch den Eltern ſolcher Kinder, die mit dem gewöhnlichen Alter weder Geſprochenes verſtehen, noch ſelbſt zu ſprechen anfangen, vor Allem daran liegen, daß ſie die Urſache dieſer

¹) Leider findet man der Bildungsanſtalten für Blödſinnige noch wenige, obgleich deren Bildungsfähigkeit und die Verpflichtnng zu ihrer Vildung zugeſtanden werden muß. 1*