die Intensität des Erdmagnetismus und darüber hinaus jede meßbare physikalische Größe in absolutem Maß bestimmen kann. Er erreichte ersteres durch die auf das Coulombsche Ge- setz von der Wechselwirkung zweier Magnetpole gestützten Definitionen der Einheiten der Polstärke und der magnetischen Intensität, die so lauten: Ein Pol hat die Stärke 1, wenn er den gleichen Pol in der Entfernung 1 cm mit der Kraft 1 Dyn abstößt. Ein Magnet- feld hat in einem seiner Punkte die Intensität l, wenn es auf den in diesem Punkt be- findlichen Einheitspol mit der Kraft 1 Dyn wirkt. Wie diese Definitionen zeigen, über- trug Gauss das cm-gr-sec-System, das absolute Maßsystem der Mechanik, auf die magneti- schen Grundbegriffe und erreichte so, daß magnetische Messungen, die an verschiedenen Orten zu verschiedenen Zeiten ausgeführt werden, sehr wohl miteinander verglichen wer- den können. Seine in dieser Abhandlung entwickelten Messungsmethoden für die erdmag- netische Intensität ermöglichen eine Genauigkeit, die die Schärfe astronomischer Messungen bei weitem übertrifft. Mit seinem selbst konstruierten Bifilarmagnetometer führte Gauss an den verschiedensten Orten magnetische Messungen aus. Damit begnügte er sich aber nicht, sondern gründete den bald die ganze Erde umspannenden„Magnetischen Verein“, dessen umfangreiche Beobachtungen er zusammen mit Weber nach kritischer Sichtung in 7 Heften und einem Atlas des Erdmagnetismus herausgab. Die theoretische und praktische Erfor- schung des Erdmagnetismus ist also in erster Linie sein Verdienst.
Wir haben nun gesehen, wie Gauss in den verschiedensten Zweigen der mathe- mathischen Wissenschaften, in der reinen Mathematik, der Astronomie, der Geodäsie, der Elektrodynamik und in der Lehre von Erdmagnetismus auf festen Fundamenten gewal- tige Bauwerke aufgerichtet und der Entwicklung dieser Einzelwissenschaften im 19. Jahr- hundert die Richtung gewiesen hat. Riesengroß ist die von ihm bewältigte Arbeit, wie schon der Umfang der 12-bändigen Ausgabe seiner gesammelten Werke rein äußerlich zeigt. Nur die eine Hälfte dieser Werke hat Gauss selbst veröffentlicht, die andere hat ein Stab von Gelehrten in fast 70-jähriger Arbeit aus dem einige Schränke füllenden Nach- laß ans Licht gerückt. Wir wissen, daß in Gauss eine vorwärtsdrängende schöpferische Kraft mit strenger Selbstkritik gepaart war. So ist es zu erklären, daß er weniger der Oeffentlichkeit übergab als er schuf, denn er feilte an dem Inhalt und der Form seiner Abhandlungen so lange, bis sie klassische Schönheit gewonnen hatten und veröffentlichte seinem Wahlspruch„pauca sed matura“ gemäß nur das, was seiner so strengen Selbst- kritik standhielt. Zweifellos hat er daher bei seinem Tode eine Fülle geistreicher Gedanken mit ins Grab genommen.
Neben der wissenschaftlichen Gründlichkeit muß an Gauss seine treue Pflichterfül- lung hervorgehoben werden, die sich in hellstem Lichte zeigte, wenn er ihm nicht lie- gende Aufgaben zu erfüllen hatte. Aus seinen eigenen Aeußerungen wissen wir, daß ihm „das Schulmeistern stets zuwider war“, weil ihm der Erfolg einer unterrichtlichen Tätig- keit nicht die auf die Vorbereitung des Unterrichts aufgewendete Mühe lohnte, aber aus den Aeußerungen seiner Schüler, die in ihm einen„göttlichen Lehrer“ verehrten, wissen wir auch, wie sorgfältig er seine Vorlesungen vorbereitet hatte. Die gleiche Pflichttreue trieb ihn an, die vorhin erwähnte geodätische Vermessung Hannovers jahrelang ohne Schonung seiner Kräfte und seiner Gesundheit selbst auszuführen. Pflichttreue und Dank- barkeit bewies er dem Herzog Ferdinand von Braunschweig, seinem Maecen, und seinem engeren Vaterlande, als an ihn auf der Höhe seines wissenschaftlichen Ruhms Berufun- gen nach Petersburg und Berlin ergangen waren. Zeitlebens blieb er ein schlichter, rastlos forschender Gelehrter, der sich der Wissenschaft um ihrer selbst, nicht um äußerer Vor- teile willen mit seinem ganzen Wesen hingab. So ist es zu verstehen, daß Gauss mehr als ein- mal die Leistungen anderer Gelehrten, wie die von Niels Henrik' Abel auf dem Gebiete der elliptischen Funktionen oder von Lobatschefskij, Bolyai und Riemann in der Nichteukli- dischen Geometrie freudig anerkannte, obwohl er das Recht der Priorität hätte für sich in Anspruch nehmen können. Was galt diesem Mann die Bewunderung durch seine Zeit- genossen, er lebte seiner„Königin der Wissenschaften“, der Mathematik! Sie stand auch als hell strahlendes Gestirn über seinem Glauben vom Jenseits. Von ihm erwartete sein rastlos forschender Geist noch eine tiefere Einsicht in das Reich der Zahlen. Gauss starb am 23. 2. 1855 in Göttingen. Als dieser„überirdische Geist in einem menschlichen Kör- per“, um mit den Worten von Laplace zu sprechen, seine sterbliche Hülle verließ, um zu
10


