Aufsatz 
Gedächtnisrede zur Wiederkehr des 150. Geburtstages von Carl Friedrich Gauss / von Gurski
Entstehung
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Beilage zum Jahresbericht 1927/28 des staatl. Kaiser Friedrichs-Bymnasiums 2u Frankfurt am Main.

Gedächtnisrede

zur Wiederkehr des 150. Geburtstages von Garl Friedrich Gauss

von Oberstudienrat Dr. Gurski-Wesel.

Das im Ehrensaal des Deutschen Museums zu München befindliche Bildnis von Gauss trägt die Inschrift:

Sein Geist drang in die tiefsten Geheimnisse der Zahl, des Raumes und der Natur. Er maß den Lauf der Gestirne, die Ge- stalt und die Kräfte der Erde. Die Entwicklung der mathema- tischen Wissenschaften des kommenden Jahrhunderts trug er in sich.

Trotz der wenigen Worte gibt uns diese Inschrift eine treffende Charakteristik dieses einzigartigen, gottbegnadeten Genius, der durch Erfassung der verborgensten Zu sammenhänge zwischen den verschiedenen mathematischen Einzelwissenschaften und durch Aufbau eines hervorragenden wissenschaftlichen Bauwerkes die geistige Entwicklung der Völker im vergangenen Jahrhundert aufs tiefste beeinflußt hat.

Es ist sehr schwer, ja fast unmöglich, in der kurzen Zeitspanne einer Stunde einer mathematisch gebildeten Zuhörerschaft ein anschauliches Bild von der Persönlich- keit und einen klaren Begriff von dem Werke und der kulturellen Bedeutung desPrinceps mathematicorum Carl Friedrich Gauss zu geben; vergeblich ist dies Bemühen vor Schülern, da diese trotz vieljähriger Bemühungen im mathematischen Unterricht nur den geringsten Teil derjenigen mathematischen Begriffe und Operationen kennen, die un- bedingt notwendig sind, um Gauß' Werk in seiner geschichtlichen Stellung und in sei- ner wissenschaftlichen Bedeutung zu verstehen und zu beurteilen. Wir müssen uns da her hier, wenn wir uns der Pflicht der Dankbarkeit gegenüber diesem hochbedeutenden geistigen Kulturträger an seinem 150. Geburtstag entledigen wollen, darauf beschränken, seine Persönlichkeit und sein Werk mit wenigen Strichen zu zeichnen, ohne eine volle Schärfe dieses Lebensbildes erzielen zu können.

Vor 150 Jahren, am 30. April 1777, in Braunschweig als Sohn eines Tagelöh- ners und Maurers geboren, zeigte der Knabe schon in seiner frühesten Jugend ein reges Interesse für Zahlen und Zahlenverhältnisse und eine außerordentliche Fertigkeit im Rechnen. Wenn auch viele der umlaufenden Einzelheiten über diese frühzeitige Entwicklung seines Zahlensinnes legendenhaft sind, so ist doch wahr, daß Gauss schon als dreijähriges Kind Rechenfehler in den Lohnberechnungen des Vaters aufgefunden und als neunjähriger Volks- schüler in Braunschweig, angeregt durch das Schulrechenbuch, Studien über Primzahlen und zusammengesetzte Zahlen getrieben hat. Wie sehr er seine Mitschüler im Rechnen überflügelt hatte, erkannte sein Rechenlehrer, als Gauss die den älteren Kameraden gestellte Aufgabe, die Reihe der ersten natürlichen Zahlen zu summieren, sofort ohne Anleitung richtig löste. Gefördert durch seinen Lehrer, der sich seiner besonders annahm und an- geregt durch den Verkehr mit dem 8 Jahre älteren Bartels, einem Schüler des Gymnasiums zu Braunschweig, lernte er schon vor seinem Eintritt ins Gymnasium den bino- mischen Lehrsatz und die unendlichen Reihen kennen, mathematische Gebiete also, die heutzutage erst in der Prima der höheren Schulen behandelt werden. Gauss' Fertigkeit im Rechnen wurde auch dem Herzog Ferdinand von Braunschweig be- kannt und bewog diesen, die Kosten für die Ausbildung des Knaben auf dem

*) Gehalten vor Schülern der Oberstufe.