Aufsatz 
Abfassung von Schulausgaben / Carl Jul. Weismann
Entstehung
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Die erotematische Form der Noten, so anregend sie auch an und für sich ist, kann übrigens doch auch im Ubermaass angewendet werden und dann nachtheilig wirken. In solchen Fällen, wo der aufmerksame Schüler sich selbst die Frage stellen und dann beant- worten kann, würde ihm durch erotematische Noten offenbar die Hälfte der geistigen An- strengung erspart. und somit eine ungebührliche Erleichterung gegeben werden. In solchen Fällen aber, wo man nur eine schwache Hoffnung hegen kann, dass vielleicht einer oder der andere von den besseren Schülern sich auf die Frage seines Buchs die richtige Ant- wort werde geben können, wird durch die erotematische Form wieder zu wenig geleistet;

der Erfolg bleibt unsicher, und leicht kann durch die vergebliche Anstrengung Uberdruss

und Ermattung in dem Schüler erregt werden.

Welchen Werth ich den variis lectionibus für eine Schulausgahe zugestehe, wird schon aus der Stelle, die ich zur Besprechung derselben gewählt habe, ersichtlich seyn. Die Angabe derselben scheint mir nur dann gerechtfertigt, wo sie dazu dienen kann, das Nachdenken des Schilers über die recipirte Lesart anzuregen und auf den richtigen Weg zu leiten. 16) Uberall aber, wo die Lesart des Textes an und für sich klar ist, oder die Angabe von Varianten dem bezeichneten Zweck nicht entsprechen kann, würde es ohne

Nutzen seyn, wenn man die Noten mit Herzählung der handschriftlichen Irrthümer

belasten wollte. Bei dem mündlichen Unterricht freilich, besonders in den oberen Classen, kann es recht erspriesslich seyn, an geeigneten Stellen, dadurch, dass man den Schülern abweichende Lesarten zur Beurtheilung vorlegt, ihren Scharfsinn zu üben, und zu untersu- chen, ob sie, den Text oder irgend eine sprachliche Regel, irgend eine synonymische Un- terscheidung mit genügender Gründlichkeit erfasst haben. Aber ob diese oder jene Stelle, diese oder jene Variante dazu geeignet sey, wird doch immer von den augenblicklichen Umständen abhängen, von. Umständen, die der Verfasser einer Schuledition im Voraus kei- neswegs berechnen kann. Man wird also die Beurtheilung dem Lehrer überlassen müssen.

Auch Parallelstellen scheinen mir in einer Schulausgabe nur dann zulässig zu seyn, wenn sie dem Schüler zum Verständniss der gerade vorliegenden Stelle dienen können. Sind sie plosse Bekräftigungen dessen, was in der vorliegenden Stelle selbst schon ersichtlich ist, oder Beweise für die Erklärung, welche der Verfasser von der Stelle gibt, so nehmen sie einen rein philologischen Character an und gehen demnach über die Sphäre des Schiülers hinaus. Im Übrigen werden, wenn man sie haben kann, solche Parallelstellen immer am passendsten seyn, die der Schüler schon früher gelesen hat und als alte Bekannte gern begrüsst.

Sollen die Noten unter den Text oder hinter denselben gedruckt werden? Ich glaube mich durchaus für das Letztere entscheiden zu müssen und zwar mit der näheren Bestim- mung, dass sie auch besonders gebunden werden und von den Büchern, die in die Schule

16) Conjecturen, wenn sie nur den angegebenen Zweck erfüllen, haben für eine Schulansgabe ganz denselben Werth, wie handschriftliche Lesarten.

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