Aufsatz 
Abfassung von Schulausgaben / Carl Jul. Weismann
Entstehung
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16.

das leisten können, was von derselben Classe in einem Gymnasium von sechs oder mehr Classen geleistet werden kann. Es wird ein Theil des Pensums dieser Classe für Secunda aufgespart und von dem Pensum der Secunda vielleicht wieder etwas auf Prima übertragen werden müssen. Und selbst eine und dieselbe Classe an einem und demselben Gymnasium wird sie nicht trotz des eifrigsten Bemühens der tüchtigsten Lehrer bald mehr bald minder vollständig das Ziel erreichen, das ihr gesteckt ist, je nachdem nämlich gerade die Mehrzahl der Schüler fähig und leissig ist oder in Bezug auf Anlage und inneren Trieb zur Mittelsorte gehört? So wird eine Schulausgabe, die durchgehends den Bedürfnissen einer bestimmten Glasse vollkommen entspräche, auch abgesehen von menschlichen Schwä- chen des Verfassers, immer mehr oder minder ein Ideal bleiben, dem das wirklich Geleistete nur annäherungsweise enispricht. Aber dadurch wird es doch nicht aufhören unerlässliche Pflicht zu seyn, diesem Ideale nachzustreben und lzu versuchen, es wenigstens in mög- lichster Annäherung zu erreichen. 1

Am leichtesten wird dies möglich seyn, wenn ein Gymnasiallehrer, 1⁰) der von irgend

einem Schriftsteller eine Schulausgabe anfertigen will, noch vor dem Beginn der Arbeit denselben einmal oder lieber mehrmals mit den Schülern der betreffenden Classe liest und es sich genau merkt, wo und wie sich das Bedürfniss nach Hülfe bei den Schülern zeigt, und dann, wenn er sein Manuscript fertig hat, die Fassung alles Einzelnen bei nochmaliger Lectüre desselben Schriftstellers mit seinen Schülern durchprüft und nach Befinden bessert und ändert. Dann hat sein Buch die Feuerprobe bestanden und kann ruhig in die Welt ziehn. Doch ist ein solches Verfahren natürlich nur bei solchen Schriftstellern anwendbar, die schon in gangbaren Schulausgaben existiren. Bei andern, wie es uns bei Lucian erging, wird man sich begnügen milssen, durch das Lesen anderer Schriftsteller mit den Schülern der betreffenden Classe ein möglichst treues und lebhaftes Bild von den Bedürf- nissen derselben zu gewinnen und in stetem Hinblick darauf nach besten Kräften zu arbeiten und dabei jede Gelegenheit zu benutzen, um die einzelnen Ergebnisse der Arbeit vor dem Forum der Schüler zu erproben. 11)

Die Nachhülfe, welche die Anmerkungen dem Schüler leisten sollen, muss sich na- türlich auf alles erstrecken, wo sich das Bedürfniss derselben fühlbar macht, ohne dass der Schüler selbst ihm abhelfen könnte. Die Anmerkungen werden also casu quo schwierige Wortformen erklären, syntactische Regeln aufstellen, lexicalische, synonymische,

10) Dass nur ein Gymnasiallehrer eine Schulausgabe(mit andern Schulbüchern wird es wohl eben so seyn), wie ich mir sie vorstelle, zu liefern im Stande sey, wird wohl kaum jemand bezweifeln.

11) Wenn ich oben geäussert habe, dass nur ein Gymnasiallehrer eine genügende Schulausgabe liefern könne, so darf ich nach dem Gesagten nun wohl mit Recht diese Behauptung noch näher dahin bestimmen, dass nur ein solcher Gymnasiallehrer es könne, der gerade in der Classe, für die er sein Buch bestimmt, vorzugsweise längere Zeit unterrichtet hat und Zur Zeit der Abfassung noch unterrichtet.