Aufsatz 
Abfassung von Schulausgaben / Carl Jul. Weismann
Entstehung
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Lectüre ist doch nur das Verständniss des Schriftstellers und das mehr oder minder pewusste Erkennen seines Characters und des Characters seiner Zeit. In der Schule frei- lich, wo der gegenseitigen Durchdringung wegen die verschiedenen Unterrichtsgegenstände möglichst nahe zusammengerückt werden müssen, Wo jede Lehrstunde jeder andern möglichst in die Hände arbeiten, wo aus der Lectüre der alten Schriftsteller die Sprachkenntniss ihre Begründung und Einübung, die Geschichte und Alterthumskunde ihre Specialisirung und Veranschaulichung herholen muss, da wird freilich der Lehrer mit vollem Recht geeignete Gelegenheiten, solchen Gewinn zu ziehen, nicht vorüber gehen lassen. Aber er wird auf die Umstände Rücksicht nehmen, wird nicht wohl oder übel alles anknipfen, was sich anknüpfen lässt, sondern wird nur das heranziehn, was für den Augen- blick den Schülern gerade besonders nothwendig oder nützlich ist, was in andern Stunden gerade zu der Zeit oder bald nachher vorkommt oder vor kurzer Zeit vorgekom- men ist, und wofür sich also bei den Schülern entweder schon ein Anknüpfungspunct vorfindet oder bald Getegenheit zu weiterer Benutzung finden wird. Alle diese mannich- fachen Eventualitäten kann aber der Herausgeber eines Schulbuchs nicht vorhersehen und im Voraus berücksichtigen; er würde entweder, um nur einigermassen vorzubauen, eine unermessliche Notenmasse anhäufen miissen, in denen sich der Text wie eine Perle im weiten Sandmeer verlieren würde, oder, wenn er dies vermeiden wollte, mit völliger Willkühr nach augenblicklichem Gutdünken auswählen müssen und dann keinen andern Ge- winn erreicht haben, als dass sich bei dem Gebrauch jeden Augenblick die jeweilige Uber- flüssigkeit dieser Bemerkung oder die verkannte Nothwendigkeit einer andern fühlbar machte. Eine sichere Norm über das Aufzunchmende oder Wegrulassende ist nur dann möglich, wenn man von dem Grundsatz ausgeht: es darf nichts übergangen werden, was dem Schiler zum gründlichen Verständniss des Schriftstellers nöthig ist, aber auch nichts zugefügt werden, was, wenn auch sonst noch so wahr und nützlich, doch für das gründ- liche Verständniss des Schriftstellers dem Schüler nach seinem Standpunct entbehrlich ist. Die practische Anwendung dieses Grundsatzes unterliegt freilich noch manchen schwer zu besiegenden Hindernissen. Der Standpunct, den die einzelnen Gymnasial- classen einnehmen, und somit das Maass dder Bedürfnisse, die bei einer Schulausgabe für dieselben zu pefriedigen sind, ist bekanntlich an verschiedenen Orten und an einem und demselben Orte zu verschiedenen Zeiten durchaus nicht ganz und gar derselbe. ich will gar nicht davon reden, dass die Organisation der Gymnasien im Ganzen nach Grundsätzen und Ansprüchen unserer Zeit noch keineswegs überall in vollem Maasse durchgeführt ist, denn was da hier und dort noch fehlt, wird mit der Zeit ergänzt und vervollkommnet werden; aber selbst in den Staaten, die sich eines wohlgeordneten Unterrichtswesens er- freuen, wird äusserer Umstände halber eine vollständige Gleichstellung, wenn auch der Gymnasien ihrem Endziel nach, doch nicht der einzelnen gleichnamigen Classen möglich seyn. Ein Gymnasium, das mit der Quinta oder gar Quarta beginnt, wird in Tertia noch keineswegs