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wenn die Zucht der Schule aufhört, das bisher Verhüllte mit verdoppelter Macht auf sein Gemüth einwirken lässt? Das versteht sich von selbst, dass der Lehrer mit Vorsicht zu Werke gehen muss, dass er genau berücksichtigen muss, wie weit die sittliche Kraft seiner Schüler schon zur Reife gediehen ist, däss er, wo es nöthig ist, durch eigne nach unserem Anstandsgeftihl gemilderte Ubersetzung über die anstössigen Stellen hinausführe, und dass er ausdriicklich die Schiller auf die Naivetät der Alten im Vergleich zu unserer vielleicht in mancher Hinsicht überverfeinerten Decenz belehre. ⁶)
Ehe ich nun weiter gehe in der Darlegung meiner Ansichten über die Apfassung von Schulausgaben, wird es nöthig seyn im Allgemeinen über die Zweckmässigkeit oder Un- zweckmässigkeit der Zugaben zu sprechen, die ausser dem Text bald einzeln, bald zusammen solchen Ausgaben beigefügt zu werden pflegen. Es sind dies Lebensbe- schreibungen und Characteristiken der Schriftsteller, Inhaltsanzeigen, Anmerkungen, Wörterbücher, Indices.
Viele wollen, d dass Schulausgaben weiter nichts enthalten sollen als den Text, alles UÜbrige misse dem Privatfleiss des Schülers und der Nachhülfe des Lehrers' überlassen pleiben. Solche Ausgaben behagen freilich vielen Eltern, die für Bücher nicht viel aus- geben können oder wollen, und den Buchhändlern, die darin eine mit wenig Kosten zu beschaffende und doch reichen Absatz findende Waare erblicken. Auch viele Lehrer ziehen
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6) Die in so vielfacher Weise bei der Erziehung angewandte Präventionstheorie hat überall ihre grossen Missstände. Meistens ist sie nicht in stricter Unbedingtheit durchzuführen und reizt dann nur zum Genuss des Verbotenen. Zudem aber hindert sie ein freies Erstarken in sitt- licher und intellectueller Hinsicht. Ich glaube im Allgemeinen nicht zu irren(freilich enthält jede Regel, die sich auf so viele verschiedenartige concrete Fälle bezieht, in völliger Allge- meinheit aufgestellt, immer ein wenig Ubertreibung), wenn ich mir den Satz aufstelle: man lasse den Zögling ohne Hinderung alle die doch nie ganz zu vermeidenden Gefahren bestehen, von denen man seinem Alter und seiner geistigen Entwicklung nach hoffen kann, dass er esie glücklich überwinde, behalte ihn dann aber, wenn auch unbemerkt oder vielmehr möglichst unbemerkt, desto sorgsamer unter Augen, so dass man jederzeit zur Hülfe und Rettung nahe ist; man lasse ihn gewissermassen an der Hand des Erziehers die Gefahren bestehen, schwäche die Kraft der Gefahr, stärke die Kraft des Gefährdeten- Ich will von vielen Fällen nur einen namentlich erwähnen. Man entzieht off mit so vieler Mühe den Schülern die Lectüre von Romanen, weil dieselben allerdings zerstreuend und verflüchtigend, um das Schlimmste nicht zu sagen, auf sie wirken kann. Warum nicht lieber in die Schülerbibliotheken, die jetzt allerwarts errichtet werden, auch die besseren Romane aufnehmen und den älteren Schülern
in geeigneten Zwischenräumen leihen! Eine solche Concession bewahrt besser vor den Leih- bibliotheken und ihrer Jammerlectüre als die strengsten Verbote oder vielmehr macht die Durchführung dieser allerdings nöthigen Verbote erst möglich. Eine solche Concession ver- hindert auch, dass späterhin der Student mit ungemässigter Begier(wie ich es so manchmal gesehen habe) Tage und Wochen lang, statt den Musen zu opfern, in dem Schmatz der Leihbibliotheken herumwühlt.. 1—


