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philologische Pietät und Gründlichkeit und wenn auch nicht der Absicht, doch dem Erfolg nach ein Frevel gegen das kindliche Gemüth, wenn man nicht das Anstössige um jeden Preis ausmerzen wollte. In den meisten Fällen wird es auch einer sorgsamen Bemühung wohl gelingen, die durch das Amputirmesser hervorgebrachten Wunden zu heilen oder wenigstens zu verdecken. Aber selbst wenn dies nicht möglich wäre, selbst wenn eine unausfüllbare Kluft in der Gedankenentwicklung zurückbliebe, würde doch immer unter zwei Ubeln das kleinere zu wählen seyn. ⁵) Einen andern Weg einzuschlagen, nämlich die anstössigen Stellen ohne weiteres abdrucken zu lassen und es dem Lehrer anheim zu geben, was er überspringen will, halte ich nicht für rathsam. Es muss dem Schüller ein solches Springen nothwendig auffallen; er wird neugierig nach den Gründen desselben forschen und, sey es in seiner eignen Kenntniss, sey es in der älterer Schüler, leicht die Mittel zum Verständniss des Übersprungenen finden. Jedenfalls miüsste wohl der Lehrer, um das neugierige Forschen der Schüler zu vermeiden, seinen Sprung schon ein gutes Stück diesseits der gefährlichen Stelle beginnen und erst weit jenseits der- selben sich wieder auf den ebenen Weg herablassen. Dann bleibt aber immer die Frage: wozu ist denn nun das Ausgelassene hingesetzt?
Etwas ganz anderes ist es bei den oberen Classen und besonders bei der Prima. Da ist es schwer möglich zu verhüten, dass nicht da und dort den Schülern neben ihren Ausgaben auch noch andere vollständigere bekannt werden. Und dann wäre durch den Reiz des Vorenthaltenen das Ubel eher vergrössert als gemindert. Aber gesetzt auch, es wäre möglich, der Beachtung der Schüler alles das zu entziehen, was man ihr zu entziehen für räthlich erachtet, wäre es denn überall wünschenswerth? Sollte es nicht vielmehr vorzuziehen seyn, dass man solche Flecken der alten Schriftsteller(das sind sie für unser Gefühl wenigstens) den schon gereifteren Schüler unverhüllt erblicken lasse, da, wo jede etwaige sinnliche Regung durch den gleichmüthigen Ernst, die ruhige Unbefan- genheit des Lehrers zurickgedrängt und abgekühlt werden kann, als dass man nachmals,
5) Ein solcher Fall wird aber wohl nicht leicht eintreten. Denn solche Schriften, in denen das sittlich Anstössige einen so wesentlichen Bestandtheil bildet, dass es nicht ohne gänzliche Auflösung des Zusammenhanges wegzuschneiden ist, werden in der Regel ihrer ganzen Anlage nach für die Lectüre von Schülern gar nicht geeignet seyn. Wollte man strenger seyn und auch solche Schriften, in denen einzelne Ungehörigkeiten so nebenbei mit unter- lauſen, von dem Bereich der Schule ausschliessen, nur um das Ausschneidungsverfahren nicht anwenden zu dürfen, so würde man den Schülern manche für sie sonst recht geeignete Schriſt der Alten entziehen müssen. Ich erinnere nur an Lucians Gallus. Derselbe ist bis jetzt aus leicht begreiflichen Gründen auf Gymnasien nicht gelesen worden. Und doch glaube ich kaum, dass jemand denselben in der Weise, wie mein College EvszEr und ich ihn in unserem Lu- cianeischen delectus hergestellt haben, für unpassend erklären wird. Den Schülern wenig- stens macht er gewiss viel Vergnügen.
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