Aufsatz 
Abfassung von Schulausgaben / Carl Jul. Weismann
Entstehung
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Zuffihren von unverdaulicher Nahrung! Zeige nur der Lehrer selbst keinen Dinkel, fertige er nur Meinungen, die von der seinigen abweichen, nicht mit Hochmuch ab; ge- stehe er nur in vorkommenden Fällen ganz offen, dass er dieses oder jenes nicht wisse, sey es für seine Person, sey es in gemeinsamer Schuld mit den Gelehrten, dann wird es nicht nöthig seyn, zur Vertreibung eines Giftes sich wieder eines Giftes zu bedienen, den Teufel mit Beelzebub auszutreiben. 1 8 Das ist allerdings vollkommen wahr, dass es besser ist, der Schüler recke sich, als dass er sich bicken muss, um der dargebotenen Speise habhaft zu werden, dass man die Kräfte der Schüler in möglichst hohem Grade in Anspruch nehmen muss(denn die geistige Kraft gleicht der Kraft des Magnets), aber doch immer nur so weit, dass sie gerade noch ausreicht.

Wir halten es demnach als Grundsatz fest, dass eine Schulausgabe nur für Schüler und zwar für eine bestimmte Stufe derselben berechnet seyn mitsse, so dass ihre derzeitigen Kräfte möglichst angespannt, aber nicht überboten werden. Von hier aus will ich nun, soweit es in Kürze möglich ist, einzelne Vorschriften, die ich mir für meinen Gebrauch gebildet habe, zu entwickeln suchen. 1

Vor Allem wird eine Schulausgabe für einen möglichst correcten und richtigen Text zu sorgen haben. Dies ist jedoch eine Anforderung, die an jede Ausgabe gemacht werden muss, nicht etwa vorzugsweise an eine Schulausgabe. Es wird dem Werthe einer Schul- ausgabe als solcher auch nicht im mindesten Abtrag thun, wenn der Verfasser selbst an dem Text auch nicht das Geringste gebessert hat, wenn er denselben nur nach den besten vorhandenen Editionen hat abdrucken lassen. Will er aber auf die Constituirung des Textes eigne Beurtheilung verwenden, so gelten natürlich im Allgemeinen dieselben Grundsätze, nach denen überhaupt Critik zu üben ist. Doch wird die Strenge derselben in manchen Fällen wohl etwas ermässigt werden können, vielleicht sogar ermässigt werden müssen. Desperate Stellen, wo die Handschriften gar nicht helfen wollen, werden ganz füglich durch Conjectur emendirt werden können; z. B. Luc. Somn.§. 17 hat Grrsr mit Recht statt 6 Ed6 Xx,ε οαν μφ εν τ πσαννꝙνρρφ olælo nach STrreERTHAL und Jaconrrz geschrieben: εd6ze οτ εααοεασι αά̈/(οα oiæia, wenn man auch wohl einsieht, dass damit nicht eben unbe- dingt das Richtige getroffen ist. Von der alten Regel, dass ceteris paribus immer die schwerere Lesart vor der leichteren den Vorzug verdiene, wird man namentlich bei Aus- gaben, die für die niederen oder mittleren Classen berechnet sind, wohl dann und wann etwas ablassen können, wenn nämlich die schwerere nicht füglich für die betreffenden Schüler erklärt werden kann. Natürlich wird man sich aber hüten müssen, aus dieser Vergünstigung Vortheil für die eigne Beqyuemlichkeit ziehen zu wollen; man wird mit Ge- wissenhaftigkeit nur im äussersten Nothfall davon Gebrauch machen dürfen.

Vollkommene Freiheit aber, zu ändern, wegaulassen und zuzusetzen, möchte ich dem Herausgeber, wenn er für untere Classen arbeitet, dann gestatten, wenn sein, Autor sich gegen Anstand und Sittlichkeit vergeht. Da wäre es offenbar eine übel angebrachte