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Lehrmethode so einrichten, als sollten eitel Philologen aus den Gymnasien hervorgehen. Sie vergessen ganz, dass die Kenntniss des Alterthums nur Mittel seyn soll zur Jugend- pildung, und dass ein Mittel durchaus keine selbstständige Berechtigung auf eine seinem Wesen entsprechende Behandlung geltend machen darf, sondern überall sich den Anforde- rungen, Beschränkungen und Modificirungen unterwerfen muss, welche aus dem vorge- steckten Ziele sich ergeben; sie drehen die Ordnung der Dinge um und machen das Mittel zum Zweck. Man glaube übrigens ja nicht, als wollte ich einer geistlosen, schalen Ober-
flächlichkeit und Ungründlichkeit das Wort reden— würde ja doch, dadurch schlecht der Zweck der Jugendbildung erreicht werden—; aber weg mit allem dem, was nur für einen Philologen ex professo Werth haben kann, weg mit jenen metrischen, paläographisch- critischen Quälereien, mit jenen gelehrten Notizen über Ilandschriftenclassen, ediliones principes, weg mit jener Polemik gegen abweichende Ansichten, die vielleicht längst be- seitigt sind, mit jenem Prunk von bibliographischer Gelehrsamkeit, kurz, weg mit allem, woran weder, sey es nun umnittelbar oder mittelbar, der Verstand der Zöglinge erstarken, noch ihr Gemüth sich erheben, noch eine höhere Weltansicht heranreifen kann. Alles, was dem Schiller über sein Bedürfniss hinaus gegeben wird, wirkt auf seinen Geist eben so, wie unverdauliche Speisen auf seinen Körper. Nicht nur, dass es ihm keine Kraft verleiht, es bringt Verwirrung in alle Functionen, es ruft einen häufig kaum wieder zu heilenden Uberdruss und Ekel hervor, der einmal hervorgerufen auch dann eintritt, wenn kräftigere, gesundere Speise dargeboten wird. Und was von Schülern im Ganzen gilt, gilt ehen so gut auch von den einzelnen Stufen, welche Schi liler zu durchlaufen haben. lan gehe einerseits nicht zu tief herunter und quäle den Schüler wenigstens nicht bestän- dig und umständlich mit längst bekannten, längst verstandenen Dingen, die seine Lust und Aufmerksamkeit erschlaffen und seine Kräfte abstumpfen. 4) Man gebe ihm aber auch auf keiner der verschiedenen Stufen eine Nahrung, die wenigstens zur Zeit noch seinen Kräften nicht angemessen ist, sondern mache sich seine derzeitigen Bedürfnisse vollkommen Mar und suche diesen zu genügen und immer höhere, lebhaftere in ihm anzuregen.
NMan hat oft um die Aufnahme von Bemerkungen und Erklärungen in ein Schulbuch, die über das Bedürfniss und die Fassungskraft der Schiler hinausgehen, zu entschuldigen gesagt, es solle dies ein Antidotum gegen den Dünkel seyn; die Schüler würden dadurch zur Einsicht gelangen, dass mit dem, was ihnen klar werde, noch lange nicht alles abge- than sey. Aber gibt es gegen den Dünkel nicht viel einfachere, sicherere Mittel als das
4) Man vergesse nicht, dass ich hier zunächst von M nelunegaben spreche. Der winqlfebe Un- terricht wird öfterer gelegenilicher Rückkehr zu früher Vorgekommenem, um Sicherheit darin zu erhalten, theilweise auch um Dünkel und Selbsttäuschung zu bekämpfen, nie entrathen können. Aber man kann auch hierin, glaube ich, leicht zu viel thun, besonders wenn die Versetzungen nicht mit äusserster Strenge behandelt werden, und der Lehrer sich dadurch genöthigt sieht, übermässig viel Rücksicht auf Schwache zu nehmen.


