Aufsatz 
Abfassung von Schulausgaben / Carl Jul. Weismann
Entstehung
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Für einen, der das Alterthum schon kennt, mag es interessant und lehrreich seyn, ver- schiedene Schriftsteller derselben Gattung in rascher Aufeinanderfolge vergleichend zu betrachten; für einen Schüler, dem sich langsam nur und allmählich die Eigenthümlichkeit eines Schriftstellers erschliesst, kann daraus nur ein gegenseitiges Verwischen der verschie- denen Eindrücke und ein peinliches Gefühl des ewig Fremdseyns resultiren. Nach dem Gesagten wird es auch klar seyn, dass ich den Chrestomathien oder Anthologien nichts weniger als geneigt bin. Für die untersten Classen kann man ihrer allerdings nicht wohl entrathen. Aber schon die Freude, die der Knabe bezeigt(mag sie immerhin ihrem Motive nach eine etwas unlautere seyn), wenn ihm zuerst ein selbstständiger Autor in die Hand gegeben wird, sollte uns warnen, jene Nothbehelfe länger anzuwenden, als es durchaus unumgänglich ist. Vielmehr möchte ich, sobald der Schüler nur einigermassen im Stande ist Zusammenhängendes zu verstehen, ihm gleich eine vollständige Schrift des Alterthums in die Hand geben und so seine neu erwachende Lust benutzend ihn weiter führen und tragen.

Aber in welcher Form sollen dem Schüler nun die classischen Werke der Griechen und Römer dargereicht werden?

Der Grundsatz, den man nach meiner Ansicht wandellos und unbedingt festhalten muss, wenn unter sonst günstigen Verhältnissen eine gute Schulausgabe zu Stande kommen soll, ist der: eine Schulausgabe muss genau für Schüler und nur für Schüler berechnet seyn; noch mehr: sie muss für eine bestimmte Stufe

der Gymnasialbildung berechnet seyn.

Drei Ursachen sind es namentlich, die zur Nichtbeachtung dieses, wie es scheint, so einfachen Grundsatzes zumeist beigetragen haben, buchhändlerische Speculation, oder von Seiten des Herausgebers Mangel an Resignation und übermässiger Philologeneifer. Natürlich geht ein Buch besser, wenn es wenigstens dem Namen nach für alle Welt passt, als wenn es ehrlich gesteht: ich passe nur für diesen oder jenen kleinen Theil derselben. Freilich klingt es besser, wenn es heisst: die Ausgabe ist zwar zunächst nur für Schüller, aber auch für academische Vorlesungen berechnet; auch angehenden Lehrern wird sie gute Dienste leisten und vielleicht,wenn den Verfasser nicht die Eigenliebe verblendet, auch für Philologen von Fach nicht ohne Werth seyn. Freilich ist es oft ein peinliches Gefühl, wenn man eine recht schöne treffende Bemerkung machen, eine recht grundgelehrte Motivirung geben zu können glaubt, aber doch fühlt, dass sie dem Schüler nicht so recht von Nutzen sey; gar gerne sucht man den durch strenges Gericht des Landes verwiesenen Oberlästigen durch ein Hinterthürchen heimlich wieder einzuschmuggeln. Noch wesent- licher in seinen Wirkungen, obwohl um nichts besser begründet, ist was ich oben über- mässigen Philologeneifer nannte. Es ist ein wahrer Verderb nicht blos für Schuleditionen, sondern überhaupt für den ganzen Unterricht in Gymnasien, dass die, welche sich damit befassen, sich so oft weniger als Erzieher und Bildner der Jugend, denn als Träger und patentirte Verwalter der classischen Welt betrachten, und dass sie demgemäss ihre