Aufsatz 
Abfassung von Schulausgaben / Carl Jul. Weismann
Entstehung
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Schule zu bearbeiten. Wohl weiss ich, dass über eine so schwierige Frage normge- bende Grundsätze aufzustellen, die auf allgemeine Anerkennung rechnen könnten, über meine Kräfte und meine Stellung hinausgeht. Aber ich will auch eben nur Ansichten vortragen, wie ich mir sie zu eigner Anwendung gebildet habe, und bin zufrieden, wenn Erfahrnere sie zu prüfen, zu verbessern, zu erweitern sich veranlasst finden. Eine Critik der vor- schiedenen Arten von Ausgaben, wie sie theils nach einander, theils neben einander be- standen haben und noch bestehen, liegt gänzlich ausserhalb meines Zweckes. Zu solcher Critik en masse kann nur ein Mann befähigt und berechtigt seyn, der selbst durch lang- jährige Erfahrung prüfend und versuchend seine UÜberzeugung festgestellt und durch bewährte Leistungen in dem petreffenden Fach sich allgemeine Anerkennung erworben hat. Ebenso habe ich mich gehütet, von einzelnen bestimmten Ausgaben lobend oder tadelnd zu sprechen. Das Lob und der Tadel hätte, da ich die verschiedenen Rücksichten, die man bei einer Schulausgabe zu nehmen hat, nach einander behandeln musste, doch immer nur für diese oder jene Rücksicht gelten können, und da liegt die Gefahr zu nahe, dass der Leser unwillkiihrlich das speciell zu beziehende Urtheil verallgemeinert denke und so ein unbedingtes Lob oder ein entschiedenes Verdammungsurtheil zu vernehmen glaube. Ich liebe weder die summarische noch die beiläufige Critik.

Das Fragmentarische des nachstehenden Aufsatzes, sowohl was die Anlage im Ganzen als was die Ausführung im Einzelnen betrifft, möge der Umstand einigermassen entschul- digen, dass dem Verfasser die Zeit, die er darauf zu verwenden gedachte, durch unvor- hergesehene Umstände um ein Bedeutendes verkürzt worden ist. Dem Erfahrneren ist es wohl sogar. lieber, Vieles nur angedeutet, als Bekanntes in bequemer Ausführlichkeit wiederholt zu hören.

Die Frage, welche Schriften der Alten überhaupt für den Schulgebrauch geeignet seyen, kann hier füglich übergangen werden, theils weil die Besprechung derselben zur Lösung des ge- wühlten Themas nicht unbedingt nöthig erscheint, theils weil sie, wenige strittige Puncte ausge- nommen, wohl factisch erledigt ist. Nur möchte ich, um wenigstens in einer Beziehung meine Ansicht auszusprechen, an das alte Wort non multa, sed mullum erinnern. Dass nicht gleich- zeitig nebeneinander zu viele Schriftsteller in der Schule gelesen werden, davor schützen Verordnungen von oben und allmählig zur Herrschaft gelangte Grundsätze. Aber warum neigt man denn an so vielen Gymnasien noch immer dazu hin, wenigstens nach einander dem Schüler unnöthig viele Schriftsteller vorzuführen? Warum z. B. neben Homer noch Hesiod, neben Sophocles noch Aschylus und Euripides? Ist es nicht besser, der Schüler werde heimisch in einer Gegend des reichen Gartens antiker Literatur und erforsche sie genau und nach allen Seiten und lerne ihren Character verstehen und gewinne sie lieb, so dass er auch im späteren Leben immer und immer wieder mit innigem Behagen dahin zurückkehrt, als wenn er, wie man den reiselustigen Söhnen Albions nachsagt, in rastloser Eile durch alle Gegen- den durchläuft, um einst mitaufgeblasenem Dünkelsagen zu können: da bin ichauch gewesen!?

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