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Ich meine, wir haben Anlaß, das Reformationsjubiläum dank⸗ bar zu feiern, als Auguſtinerſchule ganz beſonders. Sie iſt ja ein Kind der Reformation. Das große Schmuckfenſter in un⸗ ſerem Treppenhaus erinnert uns, Schüler und Tehrer, tagtäglich daran. Von dort grüßen uns zwei ehrwüroige Geſtalten, der Friedberger Burggraf Brendel von Homburg, der eifrige Förderer der neuen Schule und Philipp Melanchthon, der„Lehrer Deutſch⸗ lands“. Kein geringerer als dieſer Große in großer Zeit hat bei ihrer Gründung Pate geſtanden; er ſchickte ihr auf Bitten des Rates den erſten Rektor, ſeinen Schüler Magiſter Hierony⸗ mus Hanuoldt aus Tiegnitz. Der war nicht nur ein tüchtiger Grieche und Tateiner, dafür bürgt Melanchthons Empfehlung. Er hatte auch zu Tuthers Füßen geſeſſen und brachte deſſen Geiſt in dieſe Schule und in dieſe Stadt mit. Darum gedenken wir ſeiner in dieſer Feierſtunde wie auch des ſpäteren berühmten Auguſtiner⸗ rektors, des Schwaben Caſpar Rudolphi und der anderen Mithelfer am neuen Schulwerk, ihrer aller, die ebenſo tüchtige Gelehrte und Erzieher wie gute evangeliſche Chriſten aus Tuthers Geiſt geweſen ſind. Vergeſſen ſeien auch nicht die Männer, die zuerſt in dieſer Staot als Luthers Anhänger, zum Teil unter ſchweren Anfech⸗ tungen, wirkten und ſo den Geiſt ſchufen, der zur Gründung unſerer Schule führte: Wolfgang Haber, der erſte Verkünder der neuen Tehre, der aber die Früchte ſeines unerſchrockenen Wirkens nicht ernten konnte, der ehemalige Frieoberger Auguſtiner Johann Siegen, der ſeines großen Ordensbruders begeiſterter Anhänger geworden war, der erſte evangeliſche Pfarrer Frieobergs, Wilhelm Wippenfurt, den der Rat 154] bei der öffentlichen Einführung der Reformation berief. And wir ſchauen über die Mauern dieſer Staoͤt hinaus und denken an die Männer, die in der näheren und weiteren Am⸗ gebung der Reformation zum Siege verhalfen und zweifellos mit ihrem Einfluß und ihrem Vorbild auch in dieſe Stadt hineingewirkt und den zögernden, von katholiſchen Machthabern abhängigen Rat doch zuletzt mitgeriſſen haben. Wir denken an den fuürſtlichen Bahnbrecher der Reformation in Mittel⸗ und Süddeutſchland, Tanoͤgraf Philipp den Großmütigen von Heſſen, an ſeinen Hof⸗ prediger und erſten kirchlichen Organiſator Adam Krafft von Fulda, an Martin Bucer, der oberdeutſche evangeliſche Art nach Heſſen brachte, an den Alsfelder Superintendenten Tilemann Schnabel, an den Nièdaer Pfarrer Johann Piſtorius. Ihre Namen ſollen heute nicht fehlen, wo wir die Reformation dankbar feiern.
Aber ſo bedeutené und einflußreich dieſe erſten Zeugen und Bahnbrecher des Evangeliums hin und her im Tande geweſen ſein mögen, ſie ſtrahlen doch nur das Licht zurück, das von Martin Tuther ausgeht. Er iſt die Sonne des neuen religiöſen Tebens, der einzigartige Heros und Prophet des deutſchen evangeliſchen YVolkes. Darum lieben wir ihn, darum preiſen wir ihn. Das iſt kein Heiligendienſt. Wir wiſſen, daß auch er


