Aufsatz 
1517 - 1917 Reformationsjubiläumsfeier der großherzoglichen Augustinerschule (Gymnasium und Realschule) zu Friedberg in Hessen am Donnerstag, 1. November 1917 vormittags 3/4 11 Uhr in der Festhalle der Anstalt : Ein Gedenkblatt den jetzigen und früheren evangelischen Augustinerschülern gewidmet
Entstehung
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ſeine Schwächen und Fehler gehabt hat. Aber eins gilt:wohl ſähen wir ihn bisweilen gerne ruhiger, gerechter, abwägender; nie jedoch haben wir Anlaß, ihn wahrhaftiger zu wünſchen. Die un⸗ bedingte Ehrlichkeit, der unbeugſame Wille, für das im Gewiſſen als recht Erkannte einzutreten, koſte es, was es wolle, das iſt die wunderbare Art ſeines deutſchen chriſtlichen Weſens. Nicht Hei⸗ ligenverehrung, ſondern Heldenverehrung iſts, was uns immer wieder zu Martin Luther hintreibt.

Die großen Helden eines Volkes aber ſterben nicht. Sie leben weiter durch ihr kräfteſpendendes Vorbild, durch die Geiſtesmächte, die noch auf Jahrhunderte hin von ihnen ausgehen. Der Prophet Tuther hat Recht behalten, wenn er unter den faſt eroͤrückenden Sorgen, die ihm die Nachrichten vom Augsburger Reichstag brachten, auf der Coburg 1530 das Pſalmwort vertonte, das wir vorhin hörten:Ich werde nicht ſterben, ſondern leben und des Herrn Werke verkündigen. Wir ſind Zeugen deſſen, daß er auch heute lebt. Wir haben ſeine lebendige Kraft in dem nun ſchon im 4. Jahre tobenden Weltkriege erfahren. In Tied und Wort iſt Tuther unter uns auferſtanden und iſt uns daheim wie denen draußen im harten Streit ein Troͤſter, Mahner und Aufrichter geworden. Da⸗ rum dürfen wir deſſen gewiß ſein, ſo lange deutſche Art ſich rein und geſund erhält, im Krieg wie im Frieden, wird Tuther, der Held des in Gott gefangenen Gewiſſens und des weltüberwinden⸗ den Glaubens, leben und die Herzen in Begeiſterung zu ſich zwingen. Grade jetzt in ſchwerer, großer Zeit, wo unſeres Volkes Schickſal ſich entſcheidet, wollen wir hinter ihn treten und von ſeinem Geiſte uns in die Zukunft führen laſſen, von dem Luther⸗ geiſte, der glaubt und ſpricht:

Ein feſte Burg iſt unſer Gott! Und wenn die Welt voll Teufel wär; Es ſoll uns doch gelingen!