Aufsatz 
1517 - 1917 Reformationsjubiläumsfeier der großherzoglichen Augustinerschule (Gymnasium und Realschule) zu Friedberg in Hessen am Donnerstag, 1. November 1917 vormittags 3/4 11 Uhr in der Festhalle der Anstalt : Ein Gedenkblatt den jetzigen und früheren evangelischen Augustinerschülern gewidmet
Entstehung
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Volkes von entſcheidender Bedeutung geworden, daß im Zeitalter der Reformation und durch ſie Bildung und Frömmigkeit, Reformation und Humanimus einen Bund eingingen. Melanchthon iſt der bezeichnende Vertreter; in ihm wurden neue Frömmigkeit und alte klaſſiſche Bilodung zu einer Einheit ver⸗ ſchmolzen. Man kann nicht ſagen, daß ſich beide mit Naturnot⸗ wenoͤigkeit finden mußten. In den gelehrten Kreiſen zu Luthers Zeiten waren einflußreiche Kräfte am Werk, die nach anderer Richtung trieben. Viele fanden in ihrer Bildung, in der Kunſt volles Genüge; der Religion ſtanden ſie gleichgültig oder ablehnend gegenüber, wenn ſie es auch mit der mächtigen Papſtkirche nicht verderben wollten. Ihnen war darum auch Luther, mit dem ſie weite Strecken zuſammengingen, in ſeinem rückſichtsloſen Gewiſſens⸗ ernſt ein unbequemer Mahner und Dränger. Der feingebildete Erasmus von Rotterdam war ihr Wortführer. Und es gab um⸗ gekehrt auf ſeiten der neuen religiöſen Bewegung nicht wenige wir denken an Karlſtaèt, Thomas Münzer, die Bilderſtürmer, Schwarmgeiſter und Wiedertäufer, die Biloͤung und Kunſt als Ceufelswerk bekämpften und damit die Gefahr der religiöſen Enge und ſektiereriſchen Abſchließung heraufbeſchworen. Tuthers geſunder religiöſer Sinn bewahrte ihn vor dieſem Abweg. Er und Melanch⸗ thon, Juſtus Jonas und Bugenhagen, Bucer und Brenz, die Cauſende und Abertauſende von Pfarrern und Magiſtern des Reformations⸗ jahrhunderts haben zum Segen der Bildung wie zum Segen der Religion in ihrer Perſon den Beweis erbracht, den ſeitdem jedes Geſchlecht neu erbringt, und der für die Erziehungsarbeit jeder rechten höheren Schule ſelbſtverſtändlich ſein muß, daß Frömmig⸗ keit und Bildung ſich nicht ausſchließen, ſondern zuſammen⸗ gehören.

Denn die Frömmigkeit im Sinne der Reformation gibt ja das höchſte Bildungs⸗- und Erziehungsideal. Seines Gottes gewiß und der Welt mächtig: das war die Höhe, auf die Tuther nach ſchwerſten Kämpfen ſtieg. Das machte ihn ſo ſtark und groß, das ließ ihn ſchier AUebermenſchliches leiſten. Einer, in dem Luthers Geiſt vor hundert Jahren, auch in ſchweren Kriegs⸗ und Notzeiten, lebendig wurde, und der deshalb unſerem Volke ein Prophet werden konnte, Ernſt Moritz Arnot, hats ſo ausgedrückt:Gott faſſen und die Welt in tapferem Sinn nicht fahren laſſen. Ich wüßte nicht, welch höheres, auch dem geſunden Sinn der deutſchen Jugend zuſagenderes Biloungs⸗ und Erziehungs⸗ ziel aufgeſtellt werden könnte als dies: der peinliche Gewiſſensernſt, der ſich vor Gott in großen und kleinen Dingen verantwortlich weiß, verbunden mit jener wundervollen Tapferkeit und Sicherheit, die alles Schöne und Edle in der Welt ebenſo unbefangen genießt, wie ſie das Schlechte und Gemeine haßt und bekämpft. Für beides iſt uns Luther immer wieder Vorbild und Führer:Ein weites Herz und ein enges Gewiſſen.