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Yerſtändnis Luthers nicht mehr die prieſterliche Heilsanſtalt, die den ihr gehorſamen Menſchen durch ihre unfehlbar wirkenden Sakramente von der Taufe bis zur letzten Oelung ſicher in den Himmel geleitet. Sie iſt vielmehr die Erziehungs⸗ und Selbſt⸗ erziehungsgemeinſchaft, die durch Jeſu Evangelium den Weg zum himmliſchen Vater zeigt, unſer Kindesrecht und unſere Kindes— pflicht uns lehrt. Wenn das aber der Fall iſt, dann iſt ein be⸗ ſtimmtes Maß religiöſen Wiſſens, d. h. praktiſch geſprochen: allge⸗ meine Schulbildung geradezu eine religiöſe Forderung. Wer nur ein klein wenig ſich in der Schulgeſchichte umſieht, merkt darum auch, wie wichtig, ja bahnbrechend für die Entwicklung zur allgemeinen Volks⸗ ſchule hin Cuthers Katechismus geworden iſt. Noch heute iſt er das Religionslehrbuch der lutheriſchen Kirche. Mit Recht. Seine altertümliche Sprachform iſt doch nur, wie es vorhin bei Ranke hieß, eine leichte Hülle, hinter der ſchlichteſte, echteſte Religion ſteckt. Ein guter Ceil der landläufigen Vorwürfe richtet ſich genau geſehen garnicht gegen ihn, ſondern gegen das, was der Menſchen Verſtand und Anverſtand dazu getan hat. Gerade in ihm zeigt ſich Tuther als der Meiſter religiöſer Volkserziehung. Er, der große und rückſichtsloſe Kämpfer, läßt ſich kein einziges angreifendes Wort entſchlüpfen; alles iſt auf Aufbau und Frucht⸗ tragen berechnet. Er, der große Theologe, bietet Religion, nicht Cheologie; frommes Teben, nicht fromme Tehren ſtellt er dar. Weder die Rechtfertigung aus dem Glauben, noch ſeine beſondere Abenoͤmahlslehre, eine ſo große Rolle ſie auch in ſeinem Teben geſpielt haben, findet man in dieſem Volksbuch des neuen Glaubens. Die gleiche Sicherheit und Kraft echter Religioſität zeigen ſeine packenden, wundervollen Tieder, die er der neuen Kirche als Morgengabe geſchenkt hat. Weil ſie ſo echt menſchlich und ſo tief chriſtlich empfunden ſind, darum ſins ſie überzeitlich und bedeuten auch für unſer Geſchlecht, zumal jetzt in den Zeiten des furchtbaren Weltkrieges, religiöſe und ſittliche Kraftquellen.
Noch Wertvolleres hat Tuther der deutſchen Schule gegeben: die deutſche Bibel. Von welcher Seite man ſie auch betrachten mag, ſie iſt eine religiöſe, literariſche, nationale Großtat allererſten Ranges. Sie hat aus Deutſchland ein einheitliches Sprachgebiet gemacht und war damit der erſte geſchichtliche Schritt zur künftigen Einheit unſers Vaterlandes. Sie hat auch der Schule ihren Deutſch⸗ charakter geben helfen, zumal der gelehrten Schule, wie ſie aus dem Mittelalter hervorgegangen war. Dieſe war ja gelehrte Fach⸗ ſchule; fremd ihre Sprache, fremd ihr Geiſt. Das Tutheroͤeutſch der Bibel hat die alte Tateinſchule zur deutſchen höheren Schule umgeſtaltet. Gewiß nicht von heute auf morgen; ſo ſtürmiſch vollzieht ſich kein geſunder geiſtiger Fortſchritt.
Aber bei dieſer Einwirkung der Reformation auf die Schule iſt noch an anderes zu denken als daran, daß die Tutherſprache ihre Sprache wurde. Es iſt für die Geiſtesentwicklung des deutſchen


