II. Feſtanſprache
von Profeſſor Karl Campas.
Yerehrte Feſtverſammlung, liebe Schüler!
Der 31. Oktober 1517, der Tag von Luthers Theſenanſchlag, iſt wirklich eine Zeitenwende geweſen. Man kann und mag nach⸗ weiſen, daß die entſcheidenden Ereigniſſe, die die neue religiöſe und kulturelle Entwicklung brachten, ſpäter liegen. Aber nicht nur für das allgemeine Bewußtſein, auch für die geſchichtliche Betrach⸗ tung iſt trotz alledem der 31. Oktober 1517 der entſcheidende Auf⸗ takt des Neuen, das werden will. So viel zeitgeſchichtlich Be⸗ dingtes und nur dem Fachmann Verſtändliches in jenen 95 Sätzen gegen den Ablaßunfug ſteckt, in ihnen leuchtet ſchon deutlich das Morgenrot eines neuen religiöſen YVerſtehens und Lebens. Nur zwei Theſen hebe ich heraus: die 36.:„Ein jeder Chriſt, ſo wahre Reue und Leid hat über ſeine Sünden, der hat völlige Vergebung von Strafe und Schuld, die ihm auch ohne Ablaßbriefe gehört,“ und die 45.:„Man ſoll die Chriſten lehren, daß wer ſeinen Nächſten ſiehet darben und deſſen ungeachtet Ablaß löſet, der löſet nicht, ſondern ladet auf ſich Gottes Ungnade.“ Damit iſt die mittel⸗ alterlich⸗katholiſche Frömmigkeit in ihren Grunoͤfeſten ins Wanken gebracht; damit iſt der Grund gelegt zu dem neuen Glaubensbau, der die wundervolle Doppelinſchrift trägt:„Ein Chriſtenmenſch iſt (im Glauben an ſeinen Vater im Himmel) ein freier Herr aller Dinge und niemand untertan“ und„Ein Chriſtenmenſch iſt(in der Gewiſſenspflicht der Tiebe) ein dienſtbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“
Wenn wir als Schulgemeinſchaft das Joojährige Reformationsjubiläum feſtlich begehen, ſo haben wir reichlich Urſache dazu. Wohl hat es vor der Reformation bereits ein blühendes gelehrtes Schulweſen gegeben. Wohl iſt die Volks⸗ ſchule in unſerem Sinn erſt das Kind einer ſpäteren Zeit. Aber in der Reformation wurden Kräfte lebendig, die das beſtehende Schulweſen mit neuem Geiſte erfüllen, die aber auch mit innerer, zwingender Gewalt zum Schulzwang und damit zur allgemeinen Volksſchule führen mußten. Die Kirche iſt ja nach dem neuen


