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lieber wünſchen.“ Ich glaube nicht, daß Livius ſo verſtanden werden kann, ſon⸗ dern nur überſetzt werden darf: wie viel lieber wäre es mir, wenn ꝛc. Das was Plutarch den Hannibal ſagen läßt, läuft auf den der Erfahrung desſelben conformen Satz hinaus, daß ein Reiter im Fußkampfe wenig tauge; das was Livius, beſagt im geraden Gegentheil, daß Reiter, die dem beſten Vehikel zur Flucht, ihren Pferden ent⸗ ſagten, zum äußerſten Widerſtand entſchloßen ſein mußten. Demnach iſt es ſtatt ironiſch zu ſein eher eine Ehrenerklärung für die Römer, ſofern Hannibal in Gedanken behält: „ſie entgehen mir zwar nicht, ſie ſind verloren; aber brächte er mir ſie gefeßelt, ſo wäre es für ſie und mich beßer.“ Ich glaube zur Vermuthung berechtigt zu ſein, daß Plu⸗ tarch den Livius zwar vor Augen gehabt aber gerade dieſe Pointe überſehen habe. Wenigſtens ſcheinen mir ſeine Worte, genau beſehen, nichtsſagend.
50, 9... per hos qui inordinati atque incompositi obstrepunt portis erum- pamus: ferro atque audacia via fit quamvis per confertos hostes, cuneo quidem hoc laxum atque solutum agmen, ut si nihil obstet visscias; itaque ite mecum cet. Für das unkenntliche Wort vieler der beſten Hdſchrr., das durch den Druck ausgezeichnet iſt, hat Jo. Fr. Gronov emendiert disicias, was ſo ziemlich allgemein von den Heraus⸗ gebern adoptiert worden iſt, ſo bequem es auch geweſen wäre, das was eine Reihe von Hdſchrr. an ſeinem Platze haben: transeamus, aufzunehmen. Ich habe die ganze betr. Textesſtelle hergeſetzt, um auf die in der Anſprache des Sempronius enthaltene Tauto⸗ logie aufmerkſam zu machen: mit disicias iſt mindeſtens nichts Neues hinzugefügt und die beſte Kritik wäre am Ende, es ſammt ſeinem Zubehör auszuſtreichen! Doch bin ich davon weit entfernt und glaube, daß man am wenigſten von der Spur der Hand⸗ ſchriften ſich entferne, wenn man vinci scias eruiere, wodurch einestheils die an die Stelle gerathene Gloſſe transeamus erklärt wird, anderntheils, was die Hauptſache iſt, die Rede ſelbſt eine wirklich fortſchreitende dramatiſche Bewegung erhält: wir wollen uns durchſchlagen; der Tapfere bahnt ſich ſeinen Weg auch durch die dichteſten Feinde; ſeid überzeugt, wenn wir einen Keil bilden, kommen wir über dieſe ungeordnete Schaar leicht hinaus; drum mir nach! Mit erumpamus wird die Ausſicht auf Rettung eröffnet, deren Möglichkeit zuerſt durch einen Gemeinplatz, dann durch die aus der beſonderen Lage ſich ergebende Art und Weiſe dargethan wird, woran ſich die direkte Aufforderung, dem Redner zu folgen, anreiht.
51 extr. praecipue convertit omnes substratus Numida mortuo superincubanti Romano vivus naso auribusque laceratis. Die Anekdote iſt bekannt genug, der aber die Variante einer Hdſchr. Numidae mortuo superincubanti Romanus vivus eine weſentlich andere, und nach den Erfahrungen des letzten Kriegs in Oberitalien wenig⸗
ſtens wahrſcheinlichere Färbung gibt. Auch die modernen Landsleute der Numidier hat⸗
ten das eigenthümliche Gelüſte nach Naſen und Ohren ihrer Gegner; weder Heſtrei⸗ chern noch Römern dürfte gleicher Appetit zugetraut werden. Schlimm, daß der Anek⸗ dotenſammler Valerius Maximus(III, 2 11) noch mehr malen will: der Römer kann nach ihm keine Waffen mehr in den von Wunden gelähmten Händen faßen; ſo muß er


