ſen, ſo ſollten 10 Gulden in des Rektors Wohnung nach gehaltenem Frühjahrsexamen gemeinſam verzehrt werden.
Dieſe Lateinpreiſe, wie man ſie ſpäter kurz genannt hat, ſind bis vor wenigen Jahren immer erteilt worden mit der ſpäteren Abänderung allerdings, daß ſtatt der Geldprämien wertvolle Bücher, meiſt Werke von Klaſſikern, an die Schüler als Auszeichnungen verliehen wurden.
Es iſt alſo feſtgeſtellt, einmal, daß die auf der„Er⸗ neuerten Schulordnung“ von 1777 gegründete Schule auch weiterhin Gelegenheit zur höheren Schulausbildung und damit zum Studium gab und zum andern, daß die für die alte Lateinſchule als höhere Bildungsanſtalt beſtimmten Latein⸗ Prämien auch ſpäterhin ohne Bedenken und ununterbrochen bis in die letzte Zeit den Lateinklaſſen der neuen Schule ver⸗ liehen wurden. Da letzteres doch nur in dem Gedanken geſchehen konnte, daß dieſe Lateinklaſſen tatſächlich die Fort⸗ ſetzung der alten Lateinſchule waren, ſo muß hieraus geſchloſſen werden, daß zum mindeſten der Geiſt der alten Schule weiter⸗ lebte, wenn dieſe auch ihre urſprüngliche Geſtalt nicht hatte wahren können. Das zeigte ſich auch in dem Verhalten der Butzbacher Bevölkerung, die die Nachteile des Fehlens einer höheren öffentlichen Schule mit fremdſprachlichem Bildungs⸗ zwang ſehr bald bitter empfand, denn ſchon in den„dem Hochpreislichen Miniſterio von der Stadt und geſamten Bür⸗ gerſchaft zu Butzbach überreichten deſideriis“ vom 14. März 1781 iſt am Schluß folgender Wunſch ausgeſprochen:
„So bäten ſie überhaupt dieſe neue Schulordnung gnä⸗ digſt revidieren zu laſſen und die Erlernung der lateiniſchen Sprache aus den öffentlichen Schulſtunden nicht gänzlich zu verbannen, weil ſchon manches Bürgers Kind durch deren wenige Erlernung ſein Glück gemacht habe“.
Dieſem Wunſche der Stadt Butzbach nach Wiedererrichtung einer fremdſprachlichen Unterrichtsanſtalt ſollte erſt viele Jahre ſpäter entſprochen werden. Aber wenn auch die Weiter⸗ entwicklung der alten Lateinſchule in dieſer Zwiſchenzeit akten⸗ mäßig im einzelnen nicht verfolgt werden kann, ſo beſteht doch nach den vorausgegangenen Darlegungen kein Zweifel, daß die im Jahre 1876 neugegründete höhere Bürgerſchule und heutige Oberrealſchule ſich hiſtoriſch aus der alten Latein⸗ ſchule entwickelt hat, daß ſie die, wenn auch nicht unmittel⸗ bare, ſo doch durch die ganzen Verhältniſſe bedingte Fort⸗ ſetzung dieſes altehrwürdigen und zeitweiſe hochberühmten Inſtitutes bildet. Daß dieſe auf geſchichtlicher Entwicklung gegründete Auffaſſung auch der juriſtiſchen Betrachtung ſtand⸗ hält, geht aus einer Entſcheidung des Großh. Miniſteriums der Juſtiz vom 15. Juli 1918 hervor, in einem Rechtsſtreite, den Oberſtudiendirektor Dr. Kalbfleiſch, als damaliger Leiter und Vertreter der Anſtalt mit der Verwaltung des Kugelhausfonds über Zuſtändigkeit und Art der Verteilung der Zinſen der Clermontſtiftung zu führen hatte. In dieſer für unſere Schule ſehr bemerkenswerten Entſcheidung wurde nicht nur beſtimmt, daß die Realſchule als Rechtsnachfolgerin der alten Lateinſchule einzig und allein Anſpruch auf die Zinſen der Stiftung habe, es wurde dieſer Anſpruch auch mit der Entwicklung der Schule begründet. Die Entſcheidung beſagt nämlich an der einſchlägigen Stelle:„Es kann unſeres
Erachtens kaum einem Zweifel unterliegen, daß die jetzige Real⸗ ſchule in Butzbach ſich hiſtoriſch aus der Lateinſchule daſelbſt entwickelt hat und an deren Stelle zur Vermittlung höherer Schulbildung an die Butzbacher Schuljugend getreten iſt. Die Akten geben hierüber genügende Auskunft“.
Wir durften alſo am Tage unſerer 50jährigen Jubel⸗ feier der Erneuerung der höheren Schule in Butzbach mit Stolz daran denken, daß unſere heutige Oberrealſchule in ihrer Urzelle vor 386 Jahren gegründet wurde, und daß die Stadt Butzbach in 14 Jahren die 400⸗Jahrfeier der Gründung ihrer höheren Schule feſtlich begehen kann.
Man kann die Zeit des Ueberganges, wenn man unter dieſer Bezeichnung all die Ereigniſſe und Bewegungen von 1777 an bis zur Gründung der höheren Bürgerſchule zuſammenfaſſen darf, nicht verlaſſen, ohne wenigſtens des einen Mannes gedacht zu haben, deſſen Leben und Wir⸗ ken nicht nur für unſere Schulgeſchichte, nicht nur für die der Stadt Butzbach, ſondern auch für die Geſchichte der dama⸗ ligen ganzen Zeit unſeres Volkes von überragender Bedeutung geweſen iſt, des Rektors Dr. Friedrich Ludwig Wei⸗ dig. In die Zeit hineingeboren der tiefſten Erniedrigung und zugleich höchſten Erhebung unſeres Volkes, eine Zeit der hochgeſpannteſten Erwartungen und bitterſten Enttäuſchun⸗ gen, wurde der von glühender Vaterlands⸗ und Freiheitsliebe erfüllte junge Weidig zu einem der erſten und ſtürmiſchſten Vorkämpfer für ein geeintes, nach außen und innen freies deutſches Vaterland. Wohl iſt manches in ſeinem Charakter⸗ bild auch heute noch umſtritten und muß der Klärung durch die objektive Forſchung vorbehalten bleiben. Aber das, was wir an Sicherem über Leben und Streben dieſes unerſchrocke⸗ nen Kämpfers wiſſen, ſeine tiefe Liebe zu Volk und Vater⸗ land, ſeine hervorragende Lehrertätigkeit und Sorge um die körperliche und geiſtige Ertüchtigung der Jugend, ſein uneigen⸗ nütziges Wirken um das Gemeinwohl der Bevölkerung, ſein feſter Wille und ſein Gottvertrauen, haben ihn zu einem der hervorragendſten Geiſter ſeiner Zeit geſtempelt. Was Weidig aber der Stadt Butzbach bedeutet, was er geleiſtet für deren Schule, Turnweſen und ſoziales Wohl, das wird fortleben in dankbarer Erinnerung für alle Zeiten. So ſteht die Geſtalt dieſes großen Sohnes unſerer Stadt vor unſeren Augen als ein Vorbild, dem nachzuleben und nachzuſtreben auch unſere heutige Jugend berufen iſt.
Wir ſind ſtolz darauf, ihn zu beſitzen. Sein Bild aber wird von nun an noch inniger mit unſerer Schule verbunden ſein: Denn auf einſtimmigen Beſchluß des Lehrkörpers ſo⸗ wie der Stadtverwaltung Butzbach und durch Genehmigung des Geſamtminiſteriums wurde der Anſtalt anläßlich ihres 50jährigen Jubiläums in Erinnerung an Rektor Dr. Fr. L. Weidig der Name Weidig⸗Oberreal ſchule verliehen.
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