Aufsatz 
Zur Geschichte des Butzbacher höheren Schulwesens / A. Binzel
Entstehung
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vorübergehend aufgehalten werden konnte, ohne die Reformen der landgräflichen Zeit viel raſcher und in weit ſtärkerem Maße ſich bemerkbar gemacht hätte.

Ueber das Schickſal der Schule zur Zeit des Verfalls gibt uns die Chronik des Glöckners Michel Rohrbach Aufſchluß, die ſich in dem zweitälteſten Butzbacher Kirchen⸗ buche findet, ſowie eine ſpätere Fortſetzung dieſer Chronik, die, beide, ſowohl familiengeſchichtlich als auch für die Ge⸗ ſchichte unſerer Schule von höchſter Bedeutung ſind. Die Chroniſten verzeichnen darin die Namen von 193 Männern, die auf der Butzbacher Schule in der Zeit von 16301731 die Grundlagen zu ihren Studien gelegt hatten. Die Ein⸗ träge ſind bemerkenswert in dreierlei Beziehung. Sie zeigen einmal die außergewöhnlich hohe Zahl und zugleich hervor⸗ ragende Tüchtigkeit und Bedeutung der meiſten der gelehrten Leute, die durch die Butzbacher Lateinſchule gegangen waren, ſie beweiſen ferner durch die im Jahre 1689 wiederholt vor⸗ genommenen Exemptionen, d. h. feierliche Entlaſſungen von Lateinſchülern unmittelbar zur Univerſität, daß die Schule tatſächlich in wiſſenſchaftlicher Beziehung eine ungewöhnlich hohe Stufe mit weit über das übliche Maß hinaus geſteckten Lehrzielen erreicht hatte, ſie zeigen aber auch andererſeits, daß dieſer geiſtigen Blüte bereits ein deutlich erkennbarer Rückgang in der Beſuchsziffer der Lateinklaſſen und damit eine allmähliche Entfernung der Schule von ihren alten Zielen gegenüber ſtand.

Während noch zur Zeit des 1762 verſtorbenen Rektors Clermont, wie ſich aus der Schulordnung von 1703 ergibt, der Charakter einer Lateinſchule, d. h., nach den damaligen Begriffen, einer höheren Bildungs⸗ und Unter⸗ richtsanſtalt, dadurch gewahrt war, daß in den beiden oberen von drei Klaſſen die lateiniſche Sprache als Hauptgegenſtand gelehrt wurde und die Schüler der zweiten und erſten Klaſſe zum Beſuche des Lateinunterrichts verpflichtet waren, war bereits im Jahre 1776 eine derart weitgehende Ver⸗ änderung eingetreten, daß vom Vorhandenſein einer Latein⸗ ſchule im urſprünglichen Sinne kaum noch die Rede ſein konnte.

Der Lateinunterricht war immer mehr zum Nebenunter⸗ richtsgegenſtand herabgeſunken, und die Schule ſelbſt hatte den Charakter einer gehobenen Volksſchule erhalten, an der die deutſche Mutterſprache, Rechnen, Schreiben und Erdkunde im Vordergrunde ſtanden.

Diehl hat nachgewieſen, daß die Gründe für dieſe Ver⸗ änderungen nicht etwa bei den Lehrkräften der Schule zu ſuchen ſind, über deren Tüchtigkeit keinerlei Zweifel beſteht, Sie lagen vielmehr in den veränderten Zeitanſchauungen.

Aus dem Berichte des Rektors Heß vom Jahre 1776 ſowie des Pfarrers Bauck und des Stadtſyndikus Balſer vom gleichen Jahre geht hervor, daß die Butzbacher Bür⸗ gerſchaft damals anſcheinend der Kenntnis der lateiniſchen Sprache keine allzu große Bedeutung mehr beimaß, dagegen mehr Wert auf die gründliche Erlernung eines Handwerks und Aneignung der hierfür erforderlichen Schulkenntniſſe legte. Der Bericht ſchlug deshalb vor, die Schulordnung der Latein⸗ ſchule aus dem Jahre 1703 zu ändern. Dies geſchah im Jahre 1777 durch Erlaß derErneuerten Schulordnung für

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die ſämtlichen öffentlichen Schulen in der Stadt Butzbach. Das Intereſſante an dieſer erneuerten Schulordnung iſt, daß Sprachunterricht als verbindlicher Unterrichtsgegenſtand wohl gefallen war, daß jedoch vorgeſehen blieb, daß die beiden erſten Lehrer in der Knabenſchule des Lateiniſchen, Franzöſi⸗ ſchen, Griechiſchen und Hebräiſchen ſoweit kundig ſein mußten, daß ſie denjenigen Schülern, welche ſich dem Studium widmen wollten, genügende Anweiſung verſchaffen konnten. Dieſe Anweiſung ſollte in ſogenannten Extraſtunden erteilt werden, wobei es, wie die Beſtimmung beſagt,lediglich von der Willkür der Eltern abhängig gemacht war, ob und welche von ihren Söhnen ſie in ſolche ſchicken wollen.

Dieſer Beſtimmung der Beibehaltung des fakultativen Sprachunterrichts iſt zweifellos die größte Bedeutung beizu⸗ meſſen. Daraus, daß der Lehrplan der Butzbacher Schule weit über die Ziele einer Volksſchule hinausging, iſt zu ſchlie⸗ ßen, daß das damalige Geſchlecht trotz allem gewillt war, die Traditionen der alten Butzbacher Lateinſchule nicht unter⸗ gehen zu laſſen.

Das geht auch noch aus folgendem Zrſammenhange deutlich hervor. Den Niedergang der Lateinſchule hatte die Stiftung des bereits genannten Rektors Philipp Euſebius Clermont, die unter dem Namen Clermont⸗ ſtiftung für das Butzbacher Schulweſen eine gewiſſe Berühmt⸗ heit erlangt hat, nicht aufzuhalten vermocht, obgleich Zwech der Stiftung, Abſicht und Wille des Stifters offenſichtlich der war, durch die Stiftung die Lateinſchule als höhere Bil⸗ dungsanſtalt für die Butzbacher Jugend lebenskräftig zu erhalten und zu dieſem Ende durch Ausſetzung von Belohnun⸗ gen für tüchtige Schüler den Wunſch nach höherer, d. h. nach lateiniſcher Bildung zu erhalten und zu fördern.

Die Beſtimmungen der Stiftungsurkunde, die ſich bei den Akten der Oberrealſchule befindet, bieten genug des Intereſſes, um ſie hier auszugsweiſe wiederzugeben. Darnach ſollten die Zinſen aus einem Stiftungskapital von 1000 Gulden fol⸗ gendermaßen Verwendung finden.Es ſollen im Frühlings⸗ bezw. Herbſtexamen 15 Gulden unter 5 Schüler als praemia virtutis et diligentiae als Belohnung für gutes Betragen und Fleiß ausgeteilt werden und zwar auf dem oberſten Tiſch classis primae an zwei Schüler. Der erſte bekommt 5 Gulden, der zweite bekommt 4 Gulden. Dieſe Schüler müſſen zum mindeſten Cornelium Nepotem expliciren, con- struiren und die Participia resolviren, auch die Phra- ses memoriter recitiren können

Auf dem zweiten Tiſch bekommen wieder 2 Schüler praemia virtutis et diligentiae, deren einer 3 Gulden, der andere 2 Gulden erhält.

Auf dem dritten Tiſch bekommt ein Schüler, welcher zum

wenigſten de Colloquia Langiana muß expliciren können, 1 Gulden.

Von den hiernach übrig gebliebenen Zinſen, zu 4 Prozent gerechnet, ſollte der Verwalter des Kugelhausfonds für die Ver⸗ waltung der Stiftungpro studio et labore 2 Gulden erhalten, der Reſt aber, alſo 8 Gulden, zur Anſchaffung von Schreibpapier für alle Schüler der 3. Klaſſe verwendet werden. Sollte das Stiftungskapital ſich aber zu 5 Prozent verzin⸗