Aufsatz 
Zur Geschichte des Butzbacher höheren Schulwesens / A. Binzel
Entstehung
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1. Zur Geſchichte des Butzbacher höheren Schulweſens.

Am 12. Juni 1926 waren es 50 Jahre, daß die höhere Schule in Butzbach in Geſtalt einer ſtaatlich genehmigten höheren Bürgerſchule zu neuem Leben erwachte. Die im gleichen Jahre zur Vollanſtalt ausgebaute Oberrealſchule feierte dieſen Gedenktag unter lebhafteſter Beteiligung ehemaliger Lehrer und Schüler ſowie der Bevölkerung der Stadt durch eine Reihe von feſtlichen Veranſtaltungen, auf die im Berichte über das verfloſſene Schuljahr näher eingegangen werden wird. Da von der Herausgabe einer beſonderen Feſtſchrift abgeſehen werden mußte, ſoll in Verbindung mit dem dies⸗ jährigen Jahresbericht wenigſtens ein Ueberblick über den Werdegang unſerer Schule im Wandel der Zeiten und der Zeitverhältniſſe in ſeinen großen Linien dargeboten werden. Ein ſolcher Rückblick mag um ſo willkommener ſein, als bei vielen, vor allem bei unſerer jetzigen Schuljugend, kaum die Ereigniſſe der neueren Zeit, bei den wenigſten aber die älteren Zuſammenhänge in der Geſchichte der Schule als bekannt vorausgeſetzt werden können. So wird es denn unſere Auf⸗ gabe ſein, nicht nur eine Darſtellung über die Entwicklung der Butzbacher höheren Schule in den letzten 50 Jahren zu geben, ſondern auch die Zuſammenhänge zwiſchen der jetzigen Schule und der alten Butzbacher Lateinſchule darzulegen, um zu zeigen, daß wir in der Geſchichte der höheren Schule Butzbachs keineswegs bei dem Gründungsjahre 1876 ſtehen bleiben dürfen, daß unſere heutige Schule ſich vielmehr, wenn auch nicht unmittelbar, ſo doch hiſtoriſch aus der alten, im Jahre 1540 gegründeten Lateinſchule entwickelt hat.

Wenn wir nun zunächſt verſuchen, die Fäden zu ziehen, die von unſerer heutigen Schule zur alten Butzbacher Latein⸗ ſchule führen, ſo iſt es nötig, auf deren Geſchichte etwas näher einzugehen.*)

Die Butzbacher Lateinſchule, die im 16. und 17. Jahr⸗ hundert als Schola Butisbacensis genannt wird, wurde als Ergebnis der reformatoriſchen Bewegung, vor allem aber auf energiſches Betreiben des Landgrafen Philipp von Heſſen im Jahre 1540 gegründet.

Die neue Schule entwickelte ſich raſch und günſtig. Schon im Jahre 1556 wurden eine zweite Lehrkraft eingeſtellt und zwei Klaſſen, eine deutſche für die Anfänger ſowie eine lateiniſche für die Fortgeſchrittenen gebildet, womit die Vor⸗

(Verwertet wurdeF. L. Weidig von A. Storch(Teil V aus Butzbachs Vergangenheit) ſowie Material aus der Zeit der Neu⸗ gründung, überlaſſen von Herrn Reallehrer i. R. Schweitzer.

bereitung zur Sekunda des Marburger Pädagogs als Ziel der Schule feſtgeſetzt werden konnte. Ernſtliche Verhandlungen wegen Errichtung einer dritten Lehrſtelle waren um die Wende des Jahrhunderts im Gange, als der große Brand im Jahre 1603, der das Königſteiniſche Schloß und über 100 Häuſer ſamt Nebengebäuden in Schutt und Aſche legte, dieſe Abſichten auf lange Zeit hinaus vernichtete. Einen Wendepunkt brachte die für Schule und Stadt gleich⸗ bedeutende Regierungszeit des Landgrafen Philipp von Butzbach. Dieſer hochbegabte, auf faſt allen Gebieten der Wiſſenſchaft hervorragende Mann, der mit den bedeutend⸗ ſten Gelehrten und Forſchern ſeiner Zeit in engſtem Verkehr ſtand und mit Recht als einer der gelehrteſten Fürſten auf Deutſchlands Thronen bezeichnet wird, hatte, wie nicht anders erwartet werden konnte, auch für die höhere Schule ſeines Landes volles Verſtändnis und warmes Intereſſe. Seine Hauptſorge war vor allem auf das Ziel gerichtet, das ſchon vor ihm angeſtrebt worden war, den Ausbau ſeiner Schule durch Errichtung einer dritten Lehrkraft abzuſchließen. Nach ſchwierigen Auseinanderſetzungen mit den Mitherren der Stadt Butzbach, den Grafen von Solms⸗Braunfels und Laubach, die der Errichtung dieſer Stelle anfänglich ſchroff entgegen⸗ ſtanden, nach mehreren Fehlſchlägen und Mißgriffen in der Beſetzung der Stelle, wurde die urſprünglich vorübergehend eingeſetzte dritte Schulſtelle zu einer dauernden Einrichtung, die ſich unter der ſchützenden Hand des Landgrafen ſegensreich entwickeln konnte.

Sein größtes Verdienſt aber war zweifellos das, daß er mit außergewöhnlichem Geſchick und ganz beſonderer Sorg⸗ falt die Leute auswählte, die als Lehrer an ſeine Schule berufen werden ſollten, und ſeine glückliche Hand auch darin bewies, daß er die Inſpektion der Schule ſeinen Hofpredigern übertrug, die faſt durchweg tüchtige und erprobte Männer waren. Es würde zu weit gehen, Namen anzuführen; Diehl hat in ſeiner Schrift die Bedeutung aller der Männer, die zur Zeit Philipps von Butzbach an der hieſigen Lateinſchule wirkten, eingehend gewürdigt, und es genügt ſeine Feſt⸗ ſtellung, daß es zur damaligen Zeit keine Stadt in Heſſen gab, in der eine gleiche Reihe wirklich hervorragender Gelehr⸗ ten als Schulleiter tätig waren.

So iſt es denn auch nur natürlich, daß die Schule und damit das ganze geiſtige Leben der Stadt zu dieſer Zeit einen ungeahnten Aufſchwung nahm, der ſelbſt in ſeinen Nachwirkungen noch lange nach dem Tode des Fürſten im Jahre 1643 zu verſpüren war. Denn es ſteht feſt, daß der allmähliche Verfall der Schule, der etwa 15 Jahre nach dem Tode Philipps einſetzte und der durch die tatkräftige Land⸗ gräfin Eliſabeth Dorothea, die Witwe Ludwigs VI., die im Jahre 1688 Butzbach zu ihrem Witwenſitz erwählt hatte, nur

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