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brieflich zur Vernunft zu mahnen. Man konnte ihn eben wegen der ausgebrochenen Unruhen nicht aus Paris nach einem andren Ort in Frankreich entfernen. Um der heiklen Sache ein Ende zu machen, blieb deshalb auch nach Throckmortons Anſicht nur eine ſchleunige Abreiſe nach Flandern oder England übrig. Auf alle Fälle ließe ſich ein derartiger Schritt mit den Unruhen und der in Paris herrſchenden Peſt ganz gut bemänteln. Über die Sache ſelbſt urteilte der Geſandte nicht ſo ſtreng, er ſah darin mehr einen tollen Jugendſtreich und bat den Vater, mit dem Sohn nicht zu ſtreng ins Gericht zu gehen. ¹)
Der Vater Cecil aber dachte in dieſem Punkte anders. Er war außer ſich über das, was er hören mußte. Lieber hätte er den Sohn durch einen ehrlichen Tod verloren, und er ſtellte Throckmorton das Anſinnen, ſeinen Thomas heimlich in ein ſtrenges Gefängnis zu bringen. Gehe das nicht, dann ſollte Thomas nach Straßburg oder Lothringen. Eine Rückkehr in das Elternhaus ſah er nur für den äußerſten Fall vor, denn ſehen mochte er ihn nicht, bevor er ſich gebeſſert. ²)
Den jungen Cecil brachte der Widerſtand gegen ſeine Liebesthorheiten in eine verzweifelte Stimmung. Windebank konnte eher eine Zunahme als eine Abnahme ſeiner Leidenſchaft bemerken. Vernunft, guter Rat und Drohung erwieſen ſich als gleich zwecklos. Helfer des jungen Herrn ſcheint der Diener geweſen zu ſein, denn Windebank bat Cecil deſſen Entfernung zu befehlen, er ſelbſt ſei machtlos hierin. Eine Flucht des tollen Liebhabers wurde nur durch die Wachſamkeit ſeines Hüters verhindert. Er hatte bereits bei einem Händler ein Paar Pferde auf Kredit in Ausſicht, und verſchiedenen Perſonen erzählte er, ſein Anteil ſei ihm ſicher, der Vater könne ihn nicht enterben. Um ſich Geld zu verſchaffen, wollte er ſeine und Windebanks Kleider verkaufen, und ſein Benehmen war derart, daß Windebank ſogar deſſen nicht mehr ſicher war, was ſich unter ſeiner eigenen Obhut befand. Dabei galt es ſehr acht zu geben, daß er ſich nicht durch freundſchaftliche Vermittlung aus England oder Antwerpen Geld verſchaffte. Auf alle Fälle mußte Thomas aus Paris und der Nähe der Geliebten entfernt werden, allein die Unruhen im Lande erſchwerten dieſe Maßregel. ³)
Dem Vater gegenüber zeigte ſich Thomas recht zerknirſcht, doch er beſaß auch Mut genug, ſeinen Fehltritt einzugeſtehen unter dem Hinweis, er ſei jung und deshalb den Neigungen nnterworfen, die die Jugend beherrſchen. Darum verzichte er auch darauf, etwa durch viele Worte den Schein zu erwecken, als wolle er die Sache beſchönigen. ⁴)
Auf Wunſch des Vaters blieb der Sohn zunächſt noch in Frankreich. Um ihm jedoch die Möglichkeit zu entziehen, das Verhältnis fortzuſetzen, war Windebank 7 Meilen von Paris nach Dammartin übergeſiedelt, wo beide auch einen Teil des Sommers wegen der Peſt zugebracht hatten. ⁵*) Nur mit Erlaubnis Throckmortons ſollte Thomas fortab Paris oder irgend einen anderen Ort beſuchen. ⁰) Der arme Thomas mußte ſich hier wie ein Verbannter vorkommen. Jede Möglichkeit, die gewohnten Gänge fortzuſetzen, war abgeſchnitten, denn der vorſichtige Windebank hatte vorher dafür Sorge getragen, daß ihm weder für Geld noch aus Freundſchaft Pferde geborgt wurden. Die Gegend war beunruhigend einſam. Thomas verbrachte ſeine Zeit, wie es ihm gefiel, denn Windebank konnte nichts mit ihm anfangen und ſehnte die Stunde herbei, wo er Frankreich den Rücken wenden konnte.*)
Ein neuer Streich des Jünglings machte dieſe Änderung zur zwingenden Notwendigkeit. Anfang Juni hatte Thomas dem engliſchen Geſandten in Paris einen Beſuch gemacht und des Abends beim Abſchied verſprochen, ſtracks nach Dammartin zu eilen. Dieſes Verſprechen aber hatte er nicht gehalten, ſondern die Gelegenheit benutzt, um dem Kloſter⸗ fräulein ſeine Aufwartung zu machen. ⁵) Hierbei hatte er der jungen Dame, allerdings ohne Zeugen, ein Eheverſprechen gegeben und ſein Wort verpfändet, einige ſeiner Landsleute ſpäter als Zeugen zu bringen. Schlimm war, daß der jüngere Bruder ſeiner Verlobten um die Sache wußte und infolge davon auch noch mehrere ihrer Freunde, die beſchloſſen, das Mädchen aus der Abtei zu entfernen. Dem jungen Herrn wurde es ſelbſt jetzt etwas ſchwül, denn er fürchtete, daß man von dieſer Seite die Erfüllung ſeines Verſprechens durchzuſetzen verſuchte und ſich möglicherweiſe deshalb an den Vater Cecil ſelber wenden würde. Um allen hieraus entſtehenden Verlegenheiten und Gefahren zu entgehen, wurde beſchloſſen ganz heimlich nach Flandern zu gehen. ⁵)
Am 1. Auguſt 1562 verließen Thomas und Windebank Paris. Abſchied von ihrem Wirt und ihren franzöſiſchen Bekannten hatten ſie nicht genommen. Die genannten Umſtände ſowie die am Abend zuvor angelangte Nachricht von der Landung der Engländer in Havre machten eine unbemerkte Abreiſe doppelt wünſchenswert. Hierzu kam noch die Furcht vor Hinderniſſen, die ihnen ihr ehemaliger Wirt bereiten könne, denn dieſer hatte ihnen am Tag vorher einen Streich geſpielt, der ſie 25 Kronen koſtete, und erregte den Verdacht, als führe er noch Schlimmeres im Schild.
1) S. 635, Throck. a. Cecil 27. April. 2²) 579, Cec. a. Wind. 2. April 1562. 3) Cal. of. St. P. For. 1562, S. 11—12, Wind. a. Cecil 7. Mai. 4) S. 35, Th. Cec. a. W. Cec. 17. Mai. 5) Das.
6) S. 58, Throck. a. Cec. 28. Mai. ⁷) S. 60, Wind. a. Cecil 29. Mai. 8) S. 73, Throck. a. Wind. 5. Juni. 9) S. 81, Wind. a. Cecil 8. Juni..


