79
Zur Ausführung dieſer Reiſe kam es jedoch nicht. Aus verſchiedenen Gründen ſchien es alsbald ratſam, den Aufenthalt des jungen Cecil in Frankreich zu beenden. Schon im Spätherbſt des Jahres 1561 waren Gerüchte bedenklicher Art zu den Ohren des Vaters gekommen. Windebank meinte zwar entſchuldigend, man müſſe der ſtürmiſchen Jugend doch auch etwas zu gute halten, aber wie ein Seufzer las ſich hierzu ſeine Bemerkung, er wünſche, er wäre zu Haus, und ſein Vorſchlag, Cecil ſolle den Sohn mit der Lady Throckmorton nach England kommen laſſen und ſelbſt prüfen, ob ein weiterer Aufenthalt in Paris noch von Nutzen ſein würde. ¹) Windebanks Vorſchlag fand kein Gehör, und die Nachſicht gegen ſeinen Zögling hatte zur Folge, daß dieſer ihm über den Kopf wuchs und ganz den eigenen Trieben folgte, die ihn mit der Zeit auf gefährliche Abwege brachten. Im März 1562 mußte Windebank dem Vater eingeſtehen, daß Thomas ſeine Zeit zum Studieren nicht in wünſchenswerter Weiſe verwende, daß ihm ſein Taſchengeld von£ 20 nicht genüge und er deshalb bei verſchiedenen Engländern geborgt habe. Von einer Wiederbezahlung dieſer Schulden könne natürlich nur dann die Rede ſein, wenn der Vater dafür eintrete. Schlimm war auch, daß es der junge Mann mit ſeinen religiöſen Pflichten durchaus nicht genau nahm. ²)
Auf ſolche Nachrichten hin folgte ein geharniſchter Brief des Vaters an den Sohn. Die Sendung nach Frankreich trug dem Vater bis jetzt nur Sorgen und Koſten ein, dem Sohn aber Schande und zunehmende Liederlichkeit. Nach Hauſe wollte er den ungeratenen Sohn nicht haben, aber er erklärte entſchieden, jetzt müſſe ſeine Verſchwendung und ſein Borgen ein Ende haben, denn er ſei geſonnen keine weiteren Laſten zu tragen. In der Handſchrift des Sohnes konnte er keine Beſſerung entdecken. Damit er wiſſe, wozu er ſein Geld ausgebe, verlangte Cecil die ſofortige Einſendung des Tagebuchs, in dem der Sohn auf Wunſch des Vaters ſeine täglichen Beobachtungen franzöſiſch hatte niederſchreiben ſollen. Er ermahnte Thomas, ſeiner Mutter öfter zu ſchreiben und ſich nach ſeinen Geſchwiſtern zu erkundigen, damit er ſich die Liebe ſeiner Angehörigen erwerbe.„Mögeſt Du“ ſchloß der Vater,„noch etwas Kraft zur Wiederherſtellung Deines guten Namens beſitzen, denn hier glaubt man allgemein, Du ſeiſt entflohen als ein ausſchweifender, träger, nachläſſiger und ſorgloſer junger Menſch, beſonders bekannt als kein Freund von Lernen und Kenntniſſen. Nach Deiner Auffaſſung ſind dieſe Titel gut genug, ſonſt würdeſt Du mir beſſere Nachrichten verſchaffen.“ Den Brief unterzeichnete er:„Der Vater eines unwürdigen Sohnes.“
Seinem Sekretär Windebank konnte Cecil den Vorwurf nicht erſparen, das Treiben des Sohnes zu lange ver⸗ ſchwiegen und geduldet zu haben. Dem Vater gegenüber war dies eine übel angebrachte Schonung, denn Cecil hatte ſchon von vielen Seiten mancherlei gehört, und daß es teilweiſe auf Wahrheit beruhte, glaubte er auch ohne weitere Berichterſtatter. Mit Unmut bemerkte er, wie ihre Rechnung ſich durch Kleinigkeiten ſtark vergrößere.„Guter Windebank“, flehte der Vater,„iſt noch ein Fünkchen zur Wiedergewinnung eines guten Namens übrig, ſo verſucht Eure ganze Geſchicklichkeit.“ Die ſcharfen Worte des Briefes ſollten ihn nur ſeinem Zögling gegenüber decken, damit er ſelber Kummer vorgeben könne. ³)
Der Brief ſeines Herrn erfüllte Windebank mit einem Kummer, wie er ſolchen noch niemals, ſogar nicht bei dem Verluſt ſeiner Eltern empfunden hatte. Doch er konnte zu ſeiner Entſchuldigung daran erinnern, daß er ſich ſelbſt ſtets als untauglich für dieſes Amt bezeichnet hatte. 4*) Um dem betrübten Vater eine kleine Freude zu bereiten, ſandte er mit ſeinem nächſten Brief für deſſen Garten einen Limonenbaum, der 15 Kronen gekoſtet hatte, und zwei Myrten⸗ bäumchen, die er zu dem außergewöhnlich billigen Preis von 2 Kronen erſtanden hatte. ⁵) Seinen Zögling hatte Windebank zunächſt ganz aufgegeben, er mochte ſich ſelbſt entſchuldigen. Darum ſchrieb er auch jetzt dem Vater die volle Wahrheit, daß Thomas durchaus weder Luſt noch Neigung zeige, im Lernen des Vaters Erwartung zu befriedigen, daß ihn ganz andere Leidenſchaften beherrſchten, die ihn ſeine Pflicht in allen Dingen vergeſſen ließen. Sofortige Heimkehr oder Abreiſe nach Flandern ſchien der einzige Ausweg, um weiteren Gefahren vorzubeugen. Auf alle Fälle aber wünſchte Windebank von einer Laſt und Sorge entbunden zu werden, wie er ſolche noch niemals im Leben gehabt hatte.„Ich bin nicht imſtande ihn dahin zu bringen, ſeine Zeit beſſer zu verwenden, oder etwas anders zu thun, als ihm gefällt, das ſagt er mir offen ins Geſicht.“ ⁶)
Die Leidenſchaft, die den jungen Cecil ganz außer Rand und Band brachte, war die Liebe zu einem jungen Edelfräulein, das in der Nähe von Paris in einer Abtei untergebracht war. Throckmorton und Windebank hatten vergeblich alles verſucht ihn davon abzubringen. Die Sache ſchien nicht ungefährlich, da die Freunde des Mädchens eine Verletzung ſeiner Ehre kaum zulaſſen würden. Der engliſche Geſandte gab daher dem Vater den Rat, ſeinen Thomas
¹) 499, Wind. a. Cec. 19. Jan. 1562. 2) 544 u. 564, Wind. a. Cec. 4. u. 23. März 1562. 3) 566, Cecil an Thomas C.& Wind. 24. März 1562. 4) 592, Wind. a. Cec. 8. April. 5) St. Papers, Dom. 1547— 80, 198, 52. 6) St. P. For. 1561/ 62, 632, Wind. a. Cec. 26. April 1562.


