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Die Bildungsreiſe von Chomas Cecil.
Im Mai 1561 faßte der Staatsſekretär Cecil den Entſchluß, ſeinen Sohn Thomas zu weiterer Ausbildung für ein Jahr in das Ausland zu ſchicken. Nach ſeiner Rückkehr wollte er ihn verheiraten, denn er zählte alsdann volle 20 Jahre. Cecil wolte ſeinen Älteſten nicht zu einem gelehrten, ſondern zu einem höfiſch gebildeten Mann erziehen, der das Franzöſiſche und Italieniſche, ſoweit es zu gewöhnlichem Gebrauch nötig, beherrſche. Als Aufenthalt für den Sohn hatte er Frankreich in Ausſicht genommen, weil dort eben der Glaube in gutem Stand war. Er wollte aber darin ganz dem Rat ſeines Freundes Throckmorton folgen und fragte an, ob ſein Thomas ohne Gefahr für Leib und Seele bei einem dreimonatlichen Aufenthalt am franzöſiſchen Hof mehr in Sprache und Kenntniſſen lernen würde als anderswo in der doppelten Zeit. Als Mentor für den Jüngling hatte Cecil ſeinen Sekretär Windebank erſehen, einen ſehr ehrbaren Herrn, der gut franzöſiſch und italieniſch verſtand, und als Diener ſollte ein Mann gewählt werden, der ebenfalls des Franzöſiſchen mächtig wäre. Bei dem Sohn ſah Cecil vor allem auf körperliche Abhärtung, denn er wollte nicht, daß dieſer wie der Vater durch Studieren zu Krankheit geneigt würde. ¹) Der engliſche Geſandte in Paris er⸗ klärte ſich mit dem Plan des Freundes durchaus einverſtanden und riet, wegen der herannahenden Hitze die Zeit der Abreiſe nicht länger zu verſchieben. Eine Wohnung ganz in der Nähe der Geſandtſchaft ſtand zur Verfügung, und Throckmorton glaubte, der Unterhalt mitſamt den Pferden werde ſich mit 10 Kronen den Monat beſtreiten laſſen. Cecils Abſicht aber, den Sohn 3 Monate lang bei dem Admiral unterzubringen, hielt er aus mancherlei Rückſichten zunächſt nicht für geraten. Inzwiſchen, meinte er, könne Thomas reiten, tanzen, die Laute ſchlagen und das Tennisſpiel lernen, überhaupt alles, was als Zierde eines Höflings gelte; dabei aber brauche er das Lernen nicht zu vernachläſſigen. Er riet, den Aufenthalt in Frankreich bis zum nächſten Frühjahr auszudehnen und dann nach Italien zu gehen. Einen Koſtenüberſchlag konnte er nicht machen, aber als Freund bemerkte er, Sparſamkeit könne nichts ſchaden, denn das Reiſen und Pferdehalten ſei in Frankreich teuer. Neben dem Reiſegeld hielt er darum auch einen auf 2—300 Kronen lau⸗ tenden Kreditbrief für empfehlenswert. ²)
Nach dieſer Auskunft zögerte Cecil nicht länger, ſondern ſchickte den Sohn ſofort unter Obhut ſeines getreuen Sekretärs nach dem Feſtland. Am 19. Juni 1561 trafen beide nach einer ziemlich unangenehmen Überfahrt in Dieppe ein. Ein Herr de Veulles, Leutnant des Statthalters, zeigte ihnen die Stadt, an der das Merkwürdigſte die große Anzahl der Proteſtanten ſchien, deren Freiheit ſo war, daß niemand ihnen etwas wegen des Glaubens ſagte. Dem Abendeſſen wohnte Herr de Veulles und der erſte proteſtantiſche Geiſtliche bei. Das Geſpräch drehte ſich natürlich um das Haus Guiſe, das getadelt wurde, aber auch mancherlei in der engliſchen Kirche erregte das Mißfallen der heiß⸗ blütigen Franzoſen, wie das Chorhemd und die dreieckige Mütze, kurz es waren richtige Franzoſen. ²) Am 24. Juni kamen die beiden Reiſenden in Paris an, wo ſie zwar die von Throckmorton gemietete Wohnung bezogen, aber den Wunſch Cecils, dem Geſandten keine Koſten zu verurſachen, zunächſt nicht befolgten. Windebank hielt es für gut, wenn ſein Zögling oft in dem gaſtfreien Haus des Geſandten verkehrte. Er lernte hier ſich ſeinem Stande gemäß zu benehmen, nicht allein bei Tiſch, ſondern auch in andrer Beziehung, wenn auch andrerſeits der ſtete Verkehr mit Engländern der Erlernung des Franzöſiſchen hinderlich war. Auf Empfehlung des Geſandten ſchloß ſich Thomas näher an den Grafen von Hertford an. Später, wenn der Hof Paris verlaſſe, wollte Windebank ſeinem jungen Gefährten einen Rechts— anwalt oder angeſehenen Herrn verſchaffen, der ihn über alle in Frankreich wiſſenswerten Dinge unterrichte. 4⁴) Den regen Verkehr mit der engliſchen Geſandtſchaft erleichterte die Nähe der Wohnung, aber auch an den Hof kam der junge Cecil einigemal. Er hatte geſehen, wie der König und die Königin ihr Mittagsmahl einnahmen und war auch der Königin von Schottland vorgeſtellt worden, die ihm hierbei bemerkte, wenn der Sohn ſo weiſe wie der Vater werde, könne ſich einer über den andren freuen; ſie habe den Staatsſekretär zwar nie geſehen, aber gehört habe ſie von ihm; die Königin beſitze in ihm einen ſehr guten Diener. ⁵)
Dieſe Lebensweiſe hatte dem jungen Thomas bis jetzt ſehr gut gefallen, allein er zeigte andrerſeits zum Lauten⸗ ſpiel nicht die mindeſte Luſt und zog die Zither vor. Seine Studien aber beeinträchtigte die üble Gewohnheit eines
¹) Cal. of St. P. For. 1561/62 S. 105, Cecil an Throckmorton 8. Mai 1561.
2) Das. S. 112/13, Throck. a. Cec. 16. Mai. 3) S. 149, Windebank a. Cecil 19. Juni.
4) S. 159 /60, Windebank a. Cec. 28. Juni. 5) S. 206, Throck. a. Cec. 26. Juli.


