Aufsatz 
Festspiel zur Einweihung des neuen Hauses der Viktoria-Schule und des Lehrerinnen-Seminars in Darmstadt / Dichtung von C. Keil, Musik von W. Petr
Entstehung
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1. Willkommen, ihr hohen, Ihr hehren Geſtalten! Sollt wirken und walten Mit Ernſt und mit Freuden Für ewige Zeiten In unſerem Kreis.

Der Genius des Schönen. Auch wir ſind längſt bekannt an dieſer Stätte, Und überall erblickt Ihr unſres Wirkens Erhabne Spuren. Laſſet Euer Auge Umher nur ſchweifen in den eignen Mauern, Die ſtets gepflegt den Genius des Schönen. Schaut um Euch! Aus dem unfruchtbaren Boden Um Eures Schloſſes alte, ſtolze Bauten, Hebt manches Denkmal ſich, dem Kult des Schönen Geweihet, das des Volkes treue Liebe Den Fürſten ſchuf, die Väter ihm geweſen In ſchweren Stunden, wie in frohen Zeiten; Und das der Fürſten Huld dem Volk gegeben, Daß Geiſt und Seele unter ihrem Schilde Sich wohl und ſicher fühle, ſtärke, bilde.

Die Zeichenkunſt.

So nehmt mich freundlich auf in dieſen Hallen, Die ich entwerfen half mit kühnem Stifte.

Der Ornamente prächtige Geſtaltung,

Die um geſchwungne Linien ſich ranken;

Der Säulen Pracht, die ſchmucken Kapitäle, Die feſt und ſicher lichte Wölbung tragen: Das Alles hat mein Griffel kühn entworfen. Und was ich ſonſt der Vaterſtadt gegeben,

Ihr könnt es ſchauen in den hohen Sälen, Die mir und meinen Schweſtern ſind geweihet,

Heilige Tonkunſt! Zu himmliſchen Höhen Hebe die Seele in Andacht empor.

Offne die Lippen zu heiligen Weiſen, Gott, unſren Vater, zu loben, zu preiſen, Andacht entzündend in gläubigem Chor.

Die Turnkunſt. Wie gerne lauſch' ich Deiner Töne Klingen, Denn ſie beflügeln meiner Füße Schritt; Sie laſſen uns im Takt den Reigen ſchlingen, Geſang und Tanz in ebenmäß'gem Tritt. Ich lehre Hand und Füße ſich bewegen, Gehorſam auch dem leiſeſten Befehl,

Chor.

2. Nun ſaget uns weiter Ihr andren Genoſſen: Von wannen entſproſſen Iſt Euere Klarheit?

Das kündet mit Wahrheit Uns allen jetzt an.

Skulptur und Malerei, die ihre Werke

In edlen Formen, farbenprächt'gen Bildern, Dem reinen Blick des Schauenden enthüllen, Ja, was ich ſo in dieſer Stadt geſchaffen, Ich will es allen Deinen Töchtern zeigen, Sie lehren, ihre ſchwachen Hände führen, Der Formen Sinn allmählich offenbaren, Daß ſie begeiſtert all ſich um mich ſcharen.

Die NMuſik. Und ich will in der Töne Reich ſie führen, Daß Ohr und Herz der Sprache ohne Worte Sich öffnen und die hochentzückte Seele Emporgetragen wird in lichte Höhen, Daß ſie es ahnen, wenn auch nicht verſtehen, Der Cherubim und Seraphinen Singen, Die durch der ſieben Himmel Hallen dringen, Zu Gottes Ehr' und ſeines Namens Preis. Auch was das Herz auf Erden fühlt und weiß, Sein Lieben, Hoffen; all ſein Freuen, Leiden, Sein Schmerz und ſeine Luſt zu allen Zeiten, Auch das will ich mit Luſt ſie lehren ſingen. Vom Mund zum Herzen ſoll der Ton ſich ſchwingen, Soll ihre Seele froh und traurig machen, Wie ich es will; bald weinen und bald lachen, Bald in der Welt, und bald der Welt entrafft. Das iſt der Töne wunderbare Kraft!

Chor.

Göttliche Tonkunſt! Vom Himmel hernieder Kamſt Du, vom Vater der Liebe geſandt, Lehrteſt uns ſingen, was unſeren Herzen Freude bereitet und bittere Schmerzen,

Gabſt uns das Lied aus der göttlichen Hand.

Daß Leib und Geiſt die jungen Kräfte regen, Dem Wort gehorſam, ſicher, ſchön und ſchnell. Lang war die Turnkunſt ängſtlich nur geduldet, Und Männerturnen gerne nur geſehn;

Jetzt iſt geſühnt, was lange ward verſchuldet. Seht unſre Mädchen turnen: es macht ſchön!