Aufsatz 
Festspiel zur Einweihung des neuen Hauses der Viktoria-Schule und des Lehrerinnen-Seminars in Darmstadt / Dichtung von C. Keil, Musik von W. Petr
Entstehung
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An meinem Blick vorüberſchreiten ſehen,

Und bin ſo alt, wie das Geſchlecht der Menſchen.

In jedem Land, in jedem Volke leb' ich

Und wirke ſtill nach Sitten und Gebräuchen

Auf das Gemüt, den Geiſt und ſeine Hülle,

Daß Leib und Seele ſich harmoniſch bilden.

Den Namen hat mir Griechenland gegeben,

Das Land Homers, das Land der ſchönen Künſte.

Man nennet mich von Alters Pädagogik.

Doch wie die Jahre auch vorüberrauſchen,

In's Meer der Ewigkeit die Stunden fließen, (Perrücke und Mantel fallen und die Pädagogik

ſteht als Jungfrau da.)

So bin ich, wie Chidher, der Junge, jung!

Mit jedem Menſchenalter wächſt mein Wirken,

Und mit der Jugend durch die Zeiten ſchreitend

Bleibt mir der Geiſt und bleibt die Seele jung,

Und neue Kräfte reicht mir jed' Jahrhundert.

So komm' ich heute auch zu dieſem Feſte;

Denn, nennt mich Griechenland den Knabenführer,

Eh

1. Willkommen, willkommen,

Du Führer der Jugend, Und laß Dir gefallen Dies trauliche Heim!

Darmſtadia. Nun künd' uns Dein erhabenes Gefolge, Von deſſen Stirnen jede Tugend leuchtet, Der Weisheit Licht, die Schönheit und die Milde. Wer ſind die hohen Genien? O ſprich!

BPädagogik.(Zu den Genien gewendet.)

So redet ſelbſt und nennet Eure Namen

Der treuen Mutter, die die ſtolzen Räume

Für Euch errichtet hat und Euer Wirken.

Wohl kennt ſie Euch. Ihr ſeid ja keine Fremden In dieſer Stadt. Doch Euer Angeſicht

Hat ſo der ganze Kreis noch nicht geſehen.

Genius des Wahren,(vortretend.)

Ich nenne mich den Genius des Wahren.

Was der Verſtand im weiten Kreis der Schöpfung Erkennet und zerlegt und kunſtvoll bindet;

Was im Bereich des Wiſſens wird gefunden, Daran der Geiſt ſich freut in kühnem Schaffen, Hinab ſich ſenkend in der Erde Tiefen,

Von Pol zu Pol die ſtolzen Schritte lenkend

Und ſeinen Flug bis zu den Sternen nehmend,

So hab' ich längſt den engen Kreis durchbrochen; Ich hab' das Weib an meine Hand genommen, Im zarten Alter Leib und Seele bildend

In Kunſt und Viſſenſchaft, in allem Guten,

Daß es in Wahrheit ſei des Hauſes Zierde,

Des Mannes Krone und der Ihren Preis.

Denn reiche Gaben legte Gottes Güte

In Herz und Geiſt des lang verkannten Weibes. Ich will ſie führen, Deiner Töchter Scharen,

Wie in dem alten, ſo im neuen Heim.

Darmſtadia.

Sei mir willkommen! Nicht als Gaſt und Fremdling

Wird Dich dies Haus in ſeine Räume ſchließen,

Die Hand erfaßt, die Deine Liebe bietet; So lang ein neu erwachter, friſcher Geiſt Mit Freuden Deiner Füße Spuren folgend Nach der Erkenntnis Licht die Schritte lenkt.

Ovr.

2. Die Pforten ſind offen, Die Freunde zu faſſen. Willkommen zu Hauſe, Im ſtolzen Palaſt!

Umfaßt mein Reich mit ſeinen weiten Grenzen. Nicht alles kann ich Deinen Kindern bieten, Doch was zu faſſen ihrem Geiſt gegeben,

Das bringen die, die meinen Schritten folgen.

Die Sprache,(etwas vortretend.)

Ich lehre ſie die traute Mutterſprache

Und führe ſie in ihres Weſens Tiefen.

Und was das deutſche Volk zu allen Zeiten

In ſeines Herzens tiefem Grund empfunden, Sein Lieben und ſein Haſſen, Glauben, Hoffen, Sein Wirken, wie es Lied und Sage künden, Ich ſenk' es in der Jugend Geiſt und Seele. Dort ſoll es ruhn, ein köſtlich Samenkorn,

In ihres Herzens heilig reinen Tiefen,

Damit es keime in des Lebens Lenz,

Und aufwärts ſtrebend zu dem Licht der Sonne Viel tauſend Blüten, tauſend Früchte bringe. Was giebt es ſchön'res, als die Mutterſprache? Was redet mehr zum Herzen, was erfaſſet

Mit mächt'gen Klängen ſo des Menſchen Seele, Als ſeines Volkes Sprache, Lied und Weiſe Im fremden Land und in dem heim'ſchen Kreiſe!