Aufsatz 
Unser Landheim zu Niedernhausen i. O. / Hrsg. Eleonorenschule (Lyzeum und Frauenschule) zu Darmstadt
Entstehung
Einzelbild herunterladen

*1

keſſel,Ach, du liebes Kätzchen oderHänschen, piep mal!. Eine beſondere Genugtuung ſchien es zu bereiten, wenn ich dabei vor einer knieen oder offene Gewiſſensfragen beantworten mußte.

Auf das Ruhebedürfnis der Nachbarſchaft nahmen wir natürlich bei Sang und Spiel am Abend Rückſicht. Wir unterhielten mit ihr ſtets die beſten Beziehungen. Dort wohnten ja unſereLieferanten, die uns als Verbraucher ſehr ſchätzten. Wir ſpürten im täglichen Verkehr mit ihnen nichts von der Kluft, die Stadt und Land trennt. Einmal ließ ſich eine Anzahl meiner Pflegebefohlenen als Helferinnen beim Birnen⸗ ſchälen von unſerem Milchhändler anwerben. Der Lohn für dieſe Mühe, die ſchon durch den Spinn⸗ ſtubenzauber erleichtert war, wurde uns tags darauf in Form eines gehäuften Korbs voll Gemüſe zuge ſchickt und mit ſtolzem Jubel begrüßt. Trotz dieſer Sparmaßnahmen ließ ſich aber damals unſer Haus⸗ haltsplan nicht mehr ins Gleichgewicht bringen.

Zwei unter allen ernſten und frohen gemeinſamen Erlebniſſen hinterließen wohl die tiefſten Eindrücke. An einem Abend veranſtalteten wir einen Fackelzug vom Heim aus durch den Lichtenberger Park über den Schloßhof durch die verſchlafenen Gäßchen des Ortes oben. Vor den noch erleuchteten Fenſtern der ſeit langen Jahren leidenden Förſterstochter ſangen wir ihr zum Troſt das Abendlied des Wandsbecker Boten: Der Mond iſt aufgegangen... und laß uns ruhig ſchlafen und unſern kranken Nachbar auch! Dann ſtimmten wir auf einer Rampe das vaterländiſche Flamme empor und die Nationalhymne an und wiegten, zu Paaren geordnet, die müden Lichtenberger in ſüßen Schlummer, indem wir in feierlichem Am zug die monotone Weiſe des NachtwächterliedesHört, ihr Herrn, und laßt euch ſagen! unzählige Male wiederholten. Auf Wunſch der Gäſte des Fremden⸗ heims Schellhaas verſtanden wir uns zu weiteren künſt leriſchen Zugaben. Es war ein ſtimmungsvoller Abend, umweht vom Hauch der Romantik. Zugleich haben wir manchem guten Bekannten dort oben den Dienſt desSandmännchens im Volkslied erwieſen, deſſen Weiſe auf dem Heimweg durch nachtſchwarze Finſternis die zagen Gemüter beruhigte.

Anderer Art war jene ergreifende Feierſtunde, da wir einer fernen Frauenſchülerin gedachten, die leider nicht mit uns hatte ziehen können, da ſie am Kranken⸗ bett ihres Vaters ſeinen 50. Geburtstag feierte. Auf einer Vormittagswanderung nach dem lieblich ge⸗

*

22

*1

legenen Kurort Nonrod ereilte uns die Kunde von ſeinem plötzlichen Ableben. Wir ſtanden erſchüttert angeſichts der unergründlichen Tragik, von der dieſe Familie heimgeſucht war. Wir gedachten mitfühlend der trauernden, vaterloſen Tochter, indem wir nach der Rückkehr eine kurze Gedächtnisfeier miteinander hielten. Die Majeſtät des Todes trat vor uns, ſein Bild als Freund und Feind in der Kunſt Holbeins und Rethels, fremdes und eigenes Leid wurde wach. Wir ſchöpften innere Kraft aus dem feinen Buch des leider zu früh heimgegangenen jugendlichen Dichters W. FlexDer Wanderer zwiſchen beiden Welten, in dem er ſeinem auf dem Felde der Ehre gefallenen Freund Wurche, jenem liebenswerten, ſonnenfrohen Wandervogel, ein herrliches Denkmal geſetzt hat. Morgenglanz der Ewigkeit, Licht vom unerſchöpften Lichte ſtrahlte aus dem geſprochenen, geleſenen und geſungenen Worte in jene unvergeßliche Dämmer⸗ ſtunde auf der Diele unſeres Hauſes.

Oft ergab ſich eine Gelegenheit zu ernſter, ehr licher Ausſprache ungeſucht. Einmal mußte der Finger auf eine wunde Stelle gelegt werden, auf die Eifer ſucht zwiſchen meinen beiden Klaſſen, die zu einem Riß zu werden drohte. DieFIIa fühlte ſich hinter derFllIb, mit der mich angeblich eine beſonders herzliche Neigung verband, zurückgeſetzt. Ich habe in einer längeren, launigen Verteidigungsrede mich dieſer ſchweren Anklagen zu erwehren verſucht. Ich erbat mir im übrigen Zubilligung mildernder Amſtände, da die Perſonalunion, die Vereinigung von zwei gleich netten Klaſſen in einer Hand, Verdachts⸗ gründe naturgemäß verſtärke. Darnach aber nahm unſere Anterredung eine ernſtere Wendung, als einer meinerKleinſten der Seufzer entfuhr:Wir leiden darunter. Wir haben uns ehrlich und gründlich beim Lampenſcheine über dieſe Dinge auseinandergeſetzt. Ich glaube, die aufrichtigen Selbſtbekenntniſſe beider Teile tragen reiche Frucht.

Auf Amwegen gelangte die Kunde zu mir, an dem Kirchweihſonntag, den wir dort häuslich verbrachten, gedächten Darmſtädter Gomnaſiaſten, mit Frauen⸗ ſchülerinnen im Orte ſich zu treffen. Wir gaben der heiteren Sache eine ernſte Färbung und ſprachen uns grundſätzlich überPouſſieren,Liebeleien und Tanzſtundenherren aus.

Andere Vorkommniſſe ließen es ratſam erſcheinen, die Frage anzuſchneiden, ob man für Lehrer ſchwärmen, ob man ſieverehren, wie man ſich

X