Aufsatz 
Unser Landheim zu Niedernhausen i. O. / Hrsg. Eleonorenschule (Lyzeum und Frauenschule) zu Darmstadt
Entstehung
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um die leidige Magenfrage, um Küche und Keller, nicht zu kümmern. Jede Kochabteilung wollte die Feuerprobe möglichſt ruhmreich beſtehen. Die erſten ſelbſtändigen Verſuche der angehenden Hausfrauen machten in der Tat meinen Kolleginnen in der Küche die höchſte Ehre. Ich hatte nichts weiter zu tun als honoris causa die Wirtſchaftskaſſe zu verwalten. Ich geſtehe, daß ich mich dieſer ſchwierigen Aufgabe nicht gewachſen zeigte. Freilich, ich beſitze keine Lehrbe⸗ fähigung für dieſe Künſte! Was ich noch nie an mir beobachtet hatte ich wurde ſogar ſchwach allen be redt vorgetragenen Wünſchen der Wirtſchafterinnen gegenüber! Ich entdeckte täglich aufs neue, daß meine Mädels und ich gleichgeſtimmte Seelen waren, wie ſich unſere Neigungen begegneten in allen Fragen des Speiſezettels! Wir lebten alſo wie im Schlaraffen land. Wir ſaßen amTiſchlein, deck dich! Die allerneuſten Rezepte, jüngſt erſt in der Haushaltungs⸗ kunde beſprochen, wurden erprobt. Wen wundert's, daß ich am Ende der Woche mit einem erſchütternden Fehlbetrag meine Rechnung abſchloß?

Die Ordnung in Küche und Haus beſtimmte die Klaſſe ſelbſt. In friedlicher Ausſprache, ohne Beein fluſſung durch mich, unter zarter Rückſichtnahme auf die ſompathiſchen Gefühle der einzelnen, wurde der Turnus feſtgelegt. Das Haus glich überhaupt einem Tempel der Freundſchaft. Freundinnen ſchliefen neben⸗ einander im gleichen Zimmer, putzten und kochten gemeinſam, wenn das Los ſie traf, doch ohne daß

Grüppchen und Klübchen ſich dauernd abſonderten 3 und gegen andere abkapſelten. Auf Ausflügen, beim

Spiel im Wald, in Feld und Haus, vor allem beim Aushecken harmloſer Streiche gegen das einzige männ liche Weſen unter dem Dach waren alle Verſchwörer baldein Herz und eine Seele.

Wir hatten für das Verhalten unter einander und für den Tageslauf keine Richtlinien aufgeſtellt. Ich hatte nach unſerer Einkehr keine genaue Hausordnung erlaſſen. Es ſollte kein Schulbetrieb herrſchen, ſondern, ſoweit irgend möglich, der Geiſt der Kameradſchaft⸗ lichkeit, zwangloſe Freiheit walten. Der gute Ton, ein vornehmer Geiſt, ſollte das Regiment führen. Ich wollte nur im äußerſten Notfall gebietend oder ver⸗ bietend eingreifen. Mein Herzensanliegen war, daß jedes einen Blick in die Seele des anderen tue, daß jede Maske falle, daß ein Band rückhaltloſen Ver⸗ trauens alle umſchließe, daß Klaſſe und Klaſſenführer

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in jenen Tagen zu einem Ganzen zuſammenwachſen möchten. Ich ließ darum den Schulmeiſter zu Hauſe. Ich unterrichtete auch nicht ſtundenplanmäßig, wie⸗ wohl ich, mehr im Scherz wie im Ernſt, die Fort⸗ ſetzung der begonnenen Klaſſenlektüre, Fauſt IJ, an⸗ gekündigt hatte. Dieſer Stoff hätte in dieſes Haus wahrlich nicht gepaßt! Wir ſind im Lehrerrat, wie an anderer Stelle zu leſen iſt, einig in der Ablehnung eines regelrechten Anterrichtsbetriebes im Landheim, ohne damit jede unterrichtliche Anterweiſung oder gar erzieheriſche Beeinfluſſung von der Schwelle zu ver⸗ bannen. Es iſt eine regula falsi der Pädagogik, dem Vorbild des ſchrullenhaften Rektors Fälbel in J. Pl. Fr. Richters Humoreske zu folgen. Nach dem Beiſpiel Salzmanns und Gutsmuths in Schnepfen tal zieht dieſer Schulleiter mit zwölf Primanern, ſeiner Tochter als Köchin und ſeinen Hunden ins Fichtel⸗ gebirge, um draußen und in der Herberge nach mit gebrachten Lehrbüchern zu unterrichten. Selbſt die lateiniſche Grammatik hatte er nicht vergeſſen. Wir legen den Rock des Lehrers im Heim ab.Hier bin ich Menſch, hier darf ich's ſein! Hier ſchreitet der Lehrer nicht auf hohem Kothurn einher, ſondern gliedert ſich in eine große Familie ein. Hier gibt er ſich, wie er iſt. Hier ſieht er ſeine Zöglinge, wie ſie ſind. Hier wirbt er um ihr Vertrauen. Hier wird er aller Freund.

Nach dem Kaffeetrinken morgens hielt ich

eine kleine Morgenfeier interkonfeſſioneller Art.

Meiſtens ſprach ich ein paar Minuten zu meiner Tiſchgeſellſchaft, etwa über folgende Themen: Vom Wandern und Erwandern Vom Durſt der Seele Von den Quellen des Ewigen Vom Wandern zwiſchen zwei Welten Vom Hunger nach Kraft Von lautem Vergnügen und ſtiller Freude Vom heiligen Frühling der Jugend. Hie und da, ehe der Tag ſeine laute Stimme erhob oder zur Rüſte ging, las ich ein paar feine Worte vor, z. B. aus Reinhold Braun,Wege in die Freude, J. M. SickMathilda Wrede, ein Engel der Gefangenen, Arthur Brauſe⸗ wetterFreuden des Lebens, oder es wurde ein Gedicht vorgetragen wie R. HerzogsDer deutſchen Jugend Jahrtauſend am Rheinoder L. AhlandsVersacrum. In dieſen feiernden Minuten ſollte das junge Herz aus der Welt der Ewigkeit Kräfte einnehmen, um edle Kräfte ausgeben zu können im Tageslauf. Mit dem gemein ſamen Geſang eines paſſenden geiſtlichen Volksliedes ſchloß meiſtens dieſe beſcheidene Morgen⸗und Abendfeier.

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