Aufsatz 
Unser Landheim zu Niedernhausen i. O. / Hrsg. Eleonorenschule (Lyzeum und Frauenschule) zu Darmstadt
Entstehung
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der erſehnte Anblick bot ſich uns nicht. Der geſprächige Poſtillion Wenzens, deſſen bejahrter Rappen ſonſt in gemächlichem Trott Landheimreiſende und Landheim⸗ gepäck bergauf ſchleppt, war leideraußer Dienſt. Wir gönnten dieſem originellenSchwager die Sonntagsruhe. Zählt er doch zu unſeren beſten Freunden! Allerdings, ſeine wortreiche Freundſchaft zu den Stadtmädels iſt nicht frei von ſelbſtiſchen Beweggründen. Sie bringt ihm etwas ein. Er be⸗

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Jeglichen Druckes ledig konnten wir nunmehr froh⸗ gemut dem Tal zuſteuern, jenem umſponnenen Fach⸗ werkhäuschen am Rande des abgeſchiedenen Dorfes Niedernhauſen, am Fuße des ruinengekrönten Lichten⸗ bergs. Nach einer knappen Stunde von Neugier be⸗ flügelter Wanderung hielten wir am 13. September 1925 vormittags 10 Ahr unſeren denkwürdigen Einzug in der heimeligen Bleibe.

Wir waren am Ziel unſerer Sehnſucht, inunſrem

Auf unſerer Spielwieſe.

hauptet ſogar in gehobener Stimmung, wir ſeien ſeine ergiebigſte Einnahmequelle, das letzte Band, das ihn noch mit ſeinem Beruf verknüpfe. Mit Grauen gedenken wir ſeiner Drohung, ſein Nach folger werde der Chauffeur eines ratternden, puſtenden Omnibuſſes. Wehmut erfüllt die Saiten der Bruſt bei der Ausſicht, dieſen Gönner, einen Dorfgelehrten, der eine verblüffende Beleſenheit beſitzt und gerne die Herren Lehrer katechiſiert, verlieren zu müſſen. Als Erſatz für dieſes neuzeitliche Verkehrsmittel wurde von ſeiten eines anderen, mitleidsvollen Gönners am Platze uns koſtenlos ein Einſpänner zur Beförderung unſerer außergewöhnlich reichen Bagage zur Verfügung geſtellt.

Heim! Wir fanden ein wohliges, kleines Neſt, viel traulicher, als ich es vor Jahren verlaſſen hatte. Nach einigen Stunden ſo lange dauerte immer⸗ hin das Auspacken, Einräumen, Schränkefüllen, Toilettemachen der neuenHeimchen ſaßen wir zum erſtenmal als große Familie am gemeinſamen Tiſch vor dem lecker bereiteten, trefflich mundenden Mahle. Für mich ſelbſt begannen jetzt genußreiche Tage. Mein Amt war dornenreich bis zum ſpäten Abend, reizvoll vom frühen Morgengrauen an. 25 holde Jüngerinnen der Kochkunſt umſchwirrten mich, überboten ſich gegen⸗ ſeitig in ihrer Leiſtungsfähigkeit, waren zartfühlend um mein leibliches Wohl beſorgt. Ich brauchte mich

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