Mit Frauenſchülerinnen im Landheim. Aus den Blättern einer Klaſſenchronik. Plauderei.
Mit geheimem Bangen hatte ich vor Oſtern dem Antritt meines Amtes als Klaſſenführer in der Frauen— ſchule entgegengeſehen. Ich wußte, welches Gemiſch eine neu aufgenommene Frauenſchulklaſſe darſtellt. Dieſe Mädels kommen aus den verſchiedenſten Geſell— ſchaftskreiſen, aus Stadt und Land, von höheren Knaben⸗ und Mädchenſchulen. Es gilt nun, dieſes Vielerlei zu einer äußeren und inneren Einheit zu verbinden. Meine Sorgen wurden dadurch vermehrt, daß die Führung zweier Parallelklaſſen aus techniſchen Gründen in meiner ſchwachen Hand vereinigt werden mußte. Wie ſoll man es anfangen, möglichſt bald dieſes Chaos zum Kosmos zu geſtalten, wie eine wirkliche Arbeits⸗- und Geſinnungsgemeinſchaft zuſtande bringen? Ich ſetzte meine letzte Hoffnung auf unſer Landheim. Nach ein paar Wochen des Beiſammen⸗ ſeins machte ich meine neuen Schülerinnen mit dieſer Einrichtung veritraut und ſuchte ſie für den Plan zu erwärmen, kurz vor den Herbſtferien eine Woche dort zubringen zu wollen. Mein Vorſchlag fand„lauten“ Anklang. Damit war die beſte Möglichkeit gegeben, uns außerhalb des Schulhauſes aufs genaueſte„kennen— zulernen“. Ich hatte mit Abſicht dieſen Zeitpunkt gewählt. Die„jungen Damen“ ſollten ſich zuerſt an— einander und an die neue Schule gewöhnen, bei uns heimiſch werden, ehe wir draußen engere Beziehungen zu einander herzuſtellen ſuchten.
Wir beſprachen ſo frühzeitig unſer großes Programm, daß noch Möglichkeit zum Sparen bis zum Tag des Aufbruchs blieb. Die Anterkunft im Heim verurſacht zwar keine Ausgaben, Uebernachtungsgebühren werden keine erhoben, aber die Verpflegung dort für die Dauer einer Woche einſchließlich des Fahrpreiſes und beſonderer Ausgaben bei Ausflügen vom Standquartier aus beläuft ſich auf etwa 10 Mk. Es wird vielen Eltern in unſerer Zeit der ernſteſten, wirtſchaftlichen Kriſe recht ſauer, dieſe unvorhergeſehene Summe für ihr Kind auszuwerfen. Leberdies ſtellt der Beſuch der Frauenſchule durch mancherlei beſondere Veran⸗ ſtaltungen wie Beſichtigungen, Studienfahrten im In— tereſſe von Kunſt⸗ und Kulturgeſchichte, von Erziehungs⸗ lehre und Wohlfahrtspflege erhöhte Anforderungen an die geldliche Leiſtungsfähigkeit des Elternhauſes. Ich bemühte mich von vornherein, über dieſe häus⸗ lichen Verhältniſſe in jedem Falle mir Klarheit zu verſchaffen. Gleichzeitig ſammelte ich einen geheimen
Grundſtockzur Anterſtützung derer, die den Verpflegungs⸗ ſatz nicht aufzubringen vermöchten. Es ſollte aus dieſem äußeren Grund, aus Geldmangel, keine zur Fahrt bereite Schülerin zurückbleiben. Gerade den Minderbemittelten ſoll ja die Wohltat eines Heim⸗ aufenthalts zuteil werden. Ich führte deshalb unter Aufgebot von ſchlagender Beredſamkeit und beſtrickender Liebenswürdigkeit geheime Verhandlungen mit meinem Kollegen, der die Landheimkaſſe und deren Hilfskaſſe verwaltet. Es gelang mir, ſein durch den Amgang mit dem Mammon erhärtetes Herz zu erweichen. Er bewilligte in Anerkennung der von mir draſtiſch ge— ſchilderten Notlage mehrerer meiner Schützlinge einen erklecklichen Zuſchuß. Aus anderen Quellen, von privater Seite, floſſen in einigen Rinnſalen weitere Beihilfen unſerer Wanderkaſſezu. Dieſe frohe Botſchaft teilte ich unter 4 Augen denen mit, die arm am Beutel und krank am Herzen gefürchtet hatten, daheim bleiben zu müſſen.
Erwartungsvoll ſtand die Mehrzahl meiner „Getreuen“ in der Frühe am Darmſtädter Oſtbahnhof. Zu meiner Enttäuſchung fehlte noch ein Trupp der Schönen, für die der Fahrpreis bereits erlegt war. Meine Angeduld wuchs von Minute zu Minute. Als der Zug gerade einlief, ſtürmte die letzte der Nach— züglerinnen durch den Warteſaal. Mir kam meine lange Entfremdung vom Schulhaus während längeren Arlaubs recht zum Bewußtſein. Mein Studium der Pſoyche der„höheren Tochter“ mußte nach langer Anter— brechung emſig wieder aufgenommen werden. Wunderte ich mich wie ein Neuling doch ſogar über die umfang— reichen Koffer, die die meiſten, keuchend unter ihrer Laſt, aber ohne ein Wort der Klage auf den Lippen, außer prallen Ruckſäcken ins Abteil ſchleppten!
Frohe Wanderlieder aus dem„Zupf“, gemütvolle Volkslieder und neckiſche Scherzworte umflatterten die junge, abenteuerluſtige Schar und unterhielten gleich⸗ zeitig zu offenſichtlicher Zufriedenheit unſere verſchlafen gähnenden Fahrgäſte. In Reinheim ſtiegen wir in die ſpießbürgerliche Kleinbahn, das„Lieschen“, um, das uns in ſtaunenswerter Langſamkeit nach der Halte— ſtelle Groß⸗Bieberau brachte. Wir ſuchten vor dem „ſtattlichen“ Hauptbahnhof des Ortes nach der behäbigen Poſtkutſche, die den Landfremden wie ein Stück aus der guten, alten Zeit anmutet, ein Dorfidoll, ein Wirklichkeit gewordenes M. v. Schwind⸗Gemälde. Aber
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