Wie wir draußen die Heimat kennen lernen.
Als 1922 unſer ſchönes Landheim gegründet wurde, da war wohl niemand in unſerer Schule, der ſich nicht gefreut hätte. Wenn wir aber damals ſchon gewußt hätten, wie ſchön es werde, ſo wäre unſer Jubel noch viel größer geweſen. Denn wie man ſich hier austoben kann, wie ſich Lehrer und Schülerinnen ungezwungen unterhalten, und, nicht zuletzt, was man hier alles lernen kann, das iſt etwas, worum uns viele Schulen beneiden. Manches Mutterkind muß hier ſein Bett machen, ſeine Stiefel putzen, ſpülen und andere häusliche Arbeiten ver— richten, woran es zu Hauſe nie gedacht hätte. Es darf hier nicht heißen: ich will nicht, ich habe keine Luſt, oder: das ſchmeckt mir nicht. Es müſſen ſich alle ohne Ausnahme unterordnen. Das iſt für viele ein großer Gewinn.
Es wird hier kein Anterricht gehalten, und doch lernen wir ſo vieles mit Leichtigkeit, was wir in der Schule vielleicht nur mit Mühe erfaßt hätten. Wenn wir zum Beiſpiel einen Spaziergang nach dem Rodenſtein machen, ſo wird wohl manche eine oder andere ihr bisher unbekannte Pflanze kennen lernen. Wir pflücken ſie, und auf einmal ſehen wir, daß an der Blüte ein Käferchen ſitzt. Darüber unterhalten wir uns.
Oder da findet jemand einen ſchönen Stein. Er wird von allen Seiten betrachtet, und da niemand weiß, wie er heißt, ſetzt jede ihren Stolz darein, das Richtige herauszufinden.
Inzwiſchen ſind wir an unſerm Ziel, dem Roden— ſtein, angelangt. Auch hier laſſen ſich wieder mannig—
fache Kenntniſſe erwerben. Einige Mädchen, die die Sage vom Rodenſtein nicht oder nur ungenau kennen, möchten gerne etwas davon hören. Da erzählt die eine, wie die Herren von Rodenſtein die Gegend plünderten, die andere, wie das wilde Heer mit ſeinem Herrn, dem tollſten aus der Familie der Rodenſteiner, nach dem Schnellerts zieht, und wer außerdem noch etwas weiß, gibt auch das zum Beſten.
Plötzlich merken wir, daß ein Gewitter heraufzieht, und nun müſſen wir uns ſchleunigſt auf den Heim— weg machen. Dabei verſäumen wir nicht, uns Aus⸗ kunft über Gewitterentladungen und ähnliche Dinge einzuholen. Aber glücklicherweiſe hat ſich während unſerer Anterhaltung das Anwetter verzogen, und wir können wieder gemütlich weiter gehen.
Da ſehen wir in der Nähe einige Holzhauer ar— beiten, die ſich lebhaft über unſeren in der Zwiſchen— zeit angeſtimmten Geſang unterhalten. Ihr Oden— wälder Dialekt bietet uns ebenfalls Stoff zu neuen Anterhaltungen. Wir bleiben da natürlich nicht an der Mundart dieſer Gegend hängen, ſondern kommen auch auf andere ſprachliche Dinge zu ſprechen.
Von der Mundart kommt die Rede auch auf Sitten und Gebräuche. Die eine erzählt, wie eine Taufe in Norddeutſchland, die andere, wie ſie im Süden geſeiert wird. Eine ſchildert ein Hochzeits— feſt in Pommern, eine andere den Verlauf eines ſolchen in Bagern. So kommt man von einem auf das andere.
Kann man nicht während der 8 Tage im Land⸗ heim ohne Anterricht doch allerlei lernen?
Schulaufsatz von Hanna Goldschmidt, IIIa².
Reiſelied.
Durch Feld und Buchenhallen Bald ſingend, bald fröhlich ſtill, Recht luſtig ſei vor allen, Wer's Reiſen wählen will!
Wenn's kaum im Oſten glühte, Die Welt noch ſtill und weit:
Da weht recht durch's Gemüte Die ſchöne Blütenzeit!
72
Die Lerch' als Morgenbote Sich in die Lüſte ſchwingt, Eine friſche Reiſenote
Durch Wald und Herz erklingt.
O Luſt, vom Berg zu ſchauen Weit über Wald und Strom, Hoch über ſich den blauen, Tiefklaren Himmelsdom!
Vom Berge Vöglein fliegen Und Wolken ſo geſchwind, Gedanken überfliegen
Die Vögel und den Wind.
Die Wolken ziehn hernieder, Das Vöglein ſenkt ſich gleich, Gedanken gehn und Lieder Fort bis ins Himmelreich. J. v. cichendorff.
A


